Kultur Fantasie mit Zauberkraft

Porträt: Die Bielefelder Kinderbuchautorin Jutta Krähling erzählt vom Einlassen und Vertrauen schöpfen

Andreas Klatt

Bielefeld. Als Jutta Krähling auf dem besten Weg war, Lehrerin zu werden, stellte sie fest, dass mit den Prioritäten etwas nicht stimmte. Als Lehrerin wäre es in erster Linie ihre Aufgabe gewesen, Lernstoff zu vermitteln. „Dabei merkte ich, dass mir der menschliche Aspekt zu kurz kommt: Zum Beispiel die Gründe, weshalb ein Schüler Probleme hat, im Unterricht mitzukommen. Oder weshalb ein Mädchen sich ritzt.“ Nach der abgeschlossenen Lehrerausbildung suchte sie deshalb eine Anstellung als Diplom-Pädagogin. Auch wünschte sie sich Freiräume, um einer großen Leidenschaft nachgehen zu können: dem Schreiben. Bereits während ihrer Schulzeit im Ruhrgebiet hatte ein Lehrer ihr Talent erkannt und dafür gesorgt, dass sie mit gerade einmal 18 Jahren an einem Sammelband beim großen Fischer Verlag mitwirken konnte. Mit einem anderen Beitrag gewann sie prompt ein sattes Preisgeld – die Karriere als Berufs-Schriftstellerin, sie schien damals zum Greifen nah. Allerdings seien die Erfahrungen mit ihrem ersten, gleich bei dtv-junior veröffentlichten Jugendbuch teilweise so ernüchternd gewesen, dass sie beteuert, diesem Lebensweg nicht hinterherzutrauern.Abtauchen in eine abgeschlossene Kinderwelt In ihrer Geschichte rund um Cliquenkultur im Teenage-Alter behandelte Krähling, die für ihr Studium nach Bielefeld gezogen war, das Thema Ausgrenzung. Viele Erfahrungen aus dem Referendariat seien in dieses Buch eingeflossen, zusätzlich hatte sie für die Einbindung in den Unterricht mit Kollegen Unterrichtsmaterial erarbeitet – aber der Verlag machte ihr einen Strich durch die Rechnung, indem das Manuskript nach dem Lektorat den üblichen Stufen der Profitmaximierung anheim fiel: Statt auf eine gute Platzierbarkeit im schulischen Curriculum zu achten, setzten Vertrieb und Marketing einen Titel und ein Cover durch, mit dem Krähling sich nur bedingt anfreunden konnte: „Blau wie die Liebe“ ziert ein Mädchengesicht, das viele Lehrer wohl zu sehr an eine Telenovela erinnerte. Umso mehr freut sich Krähling, bei ihrem soeben im kleineren Autumnus-Verlag erschienenen Kinderbuch mehr Mitspracherecht gehabt zu haben. Die Geschichte richtet sich an sechs- bis zwölfjährige Kinder und erinnert an Nils Holgersson. Zwei Mädchen drohen von einem Umzug auseinandergerissen zu werden und hecken einen zauberhaften Rettungsversuch aus, der zu ihrer Überraschung gelingt – in der Folge schrumpfen die beiden Familien so weit zusammen, dass sie auf den Rand eines Suppentellers passen. „Die Tellermanns“ nennt ein Freund der beiden Mädchen, der fortan eine wichtige Rolle für das Überleben seiner Schützlinge spielen soll, die Verzauberten. Raffiniert greift Krähling die Hinwendung zur Natur auf, die in Medien meist romantisiert dargestellt wird. So sehr die Mädchen zunächst entzückt sind, durch die Verwandlung weiter zusammenleben zu können, so sehr erkennen sie mit dem beginnenden Herbst und Winter, wie die vormals für selbstverständlich gehaltenen Errungenschaften der modernen Zivilisation den Blick verstellen für die archaische Qualität der Wildnis. Bereits als Kind war es für Jutta Krähling eine beliebte Freizeitbeschäftigung, sich die Zeit mit dem Ausdenken von Geschichten zu vertreiben. Wenn die Zuhörenden eine spannende Wendung haben wollten, konnten sie „Gruselstopp“ dazwischen rufen – und Krähling sponn einen neuen Faden. Von dieser Fantasie konnte sie auch als Mutter zehren, als sie für ihre Tochter und deren Freundinnen Geschichten improvisierte. „Mich fasziniert es sehr, in eine eigene, abgeschlossene Kinderwelt abzutauchen und zu erzählen, wie Menschen lernen, sich aufeinander einzulassen und einander zu vertrauen“, berichtet die Pädagogin, die seit zehn Jahren in der Jugendhilfe arbeitet. Ihren Wunsch, auch mit Kindern zu arbeiten, kann sie sich jetzt durch die Lesungen mit „Den Tellermanns“ erfüllen. Jutta Krählings Kinderbuch „Die Tellermanns“ ist im Autumnus Verlag erschienen und für 10,90 Euro im Buchhandel erhältlich.

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