Wiglaf Droste (55), Autor, Sänger, Satiriker.
Wiglaf Droste (55), Autor, Sänger, Satiriker.

Herford Herforder Autor Wiglaf Droste im OWL-Porträt

Wiglaf Droste ist dem CDU-Urgestein Elmar Brok einst als Kriegsdienstverweigerer begegnet

Ulf Hanke

Herford. Aus der kulinarischen Kampfschrift „Häuptling eigener Herd", die Wiglaf Droste mit dem Sternekoch Vincent Klink herausgibt, stammt die Forderung: „Wir müssen den Gürtel weiter schnallen!" Der Satz stimmt immer noch, beteuert Droste bei einem Kaffee in Herford, wo er wieder wohnt, wenn er nicht unterwegs ist. Dabei ist der 55-jährige Westfalian Alien (aktuelles Buch mit Nikolaus Heidelbach: Nomade im Speck) geschrumpft. Rein körperlich. Aber warum lange über Ernährungsumstellung und Kühlschrankverbot vor Mitternacht sprechen? Es gibt Wichtigeres, Trump zum Beispiel. In der langen Wahlnacht hat Droste die Nachrichten aus Amerika verfolgt und unseren Fragebogen ausgefüllt. Früh morgens schickte er letzte Korrekturen. Droste ist ein politischer Kopf, gesellschaftliche Veränderungen nimmt er zuerst über Sprache wahr. Im Gespräch wägt er jedes Wort, dreht und wendet die Buchstaben, man kann ihm förmlich beim Formulieren zusehen. Und damit auch beim Kampf gegen die galoppierende Verlotterung der Sprache. Der „Tucholsky von heute" (Franz Josef Degenhardt) liest demnächst in Herford und Bielefeld. Zuhause Stippgrütze, Pickert oder Pumpernickel? Pumpernickel, obwohl die anderen Wörter auch schön sind. Hermann, Wilhelm oder Libori? Den Hermann lief ich 1982 mit meinem Arbeiter-Samariter-Zivildienst-Freund Fritz Stockmeier (schönen Gruß auf diesem Weg) in 3:16, das reicht. Handball, Fußball oder Reiten? In kindlich-jugendlicher Unwissenheit Handball beim TSV Altenhagen, bis der heutige Zapfenstreichführer Jürgen Utecht „Trainer" wurde und ich mit den Hachos Heinrich Rödding und Andreas Westerwelle aufs Feld musste; seitdem: Nur der BVB! Hund oder Katze? Mit den Hunden Käpt’n, Felix und Bonnie aufgewachsen, lebe ich jetzt mit dem Arthrose-Humpelkumpel Kater Domi, der halbwilden Straßenkatze Lissy und der liebenswürdigen Zornisse Bienie zusammen. Was sollte Gästen in OWL unbedingt gezeigt werden? Die Externsteine; eventuell dort umherirrende Nazis wegschicken, alles über die Geschichte der Externsteine lesen und dann in die Tabakhandlung im Crüwellhaus, das ist das kleine Kuba von Bielefeld. Der prominenteste Mensch in OWL ist ... mit allem Recht Erwin Grosche, dessen Auftritte zu verpassen eine lebensschmälernde Maßnahme wäre. Und Fritz Tietz schreibt auch wunderbar. Dieser OWLer sollte unbedingt bekannter werden: Jeder ist so bekannt, wie er sein will, beziehungsweise meistens muss. Was wäre für Sie die größte Herausforderung? Güterslohern die Medienwelt zu erklären. Persönlich Wann haben Sie sich zuletzt riesig gefreut? Über den ersten Schnee. Wann haben Sie zuletzt geweint? Vor drei Tagen, aus Freude und Sentimentalität, weil alles so schön stimmte. Unerbittlich sind Sie, wenn ... ich auf Opportunisten und üble Nachredner treffe, die 100 Jahre Schwatz-Haft verdient hätten. „Tell the Gossipers and Liars / I will see them in the Fire, / Carry on, Carry on". Was verzeihen Sie anderen sofort? Unbeabsichtigte Fehler. Mit wem müssen Sie noch einen Sack Salz essen? Mit den alten Zivildienstkollegen vom Arbeiter-Samariter-Bund. Und mit Elmar Brok, der mir vor 36 1/2 Jahren als Vorsitzender im ersten Kriegsdienstverweigerungsausschuss ein Gewissen zu haben absprach und den ich mittlerweile für erstaunlich und erfreulich humanistisch gereift halte; außerdem kann einer, der in Schottland gelebt hat, auf Dauer kein ernsthaft gewissenloser Mensch sein. Ihr bisher unentdecktes Talent? Duldsamkeit bis an den Rand der Selbstverleugnung. Ihr heimlicher Fehler? Manchmal glaube ich lieber als zu wissen, aber wenn ich darüber nachdenke, gefällt mir das dann auch wieder. Ihre Lieblingsfarbe? Blau, wie in „Don’t It Make My Brown Eyes Blue" von Crystal Gayle. Was mögen Sie an OWL am liebsten? Die Sprache: dölmern, dameln, rumölen, ramentern, wullacken – das ist meine Lieblingsbestellung: einmal alles mit Schuss, bitte! Was lieben Sie an Ihrem Beruf besonders? Dass ich alles auf die unterschiedlichste Weise sagen kann, wenn ich’s dann kann. Was nervt Sie an Ihrem Beruf manchmal? Ignorante, indolente und horizontverengte, unfreie „Mir sind die Hände gebunden"-Gestalten, aber die gibt es in jedem Beruf. Vertraulich Unter der Dusche ... Ich bade lieber, und dann gerne mit Kerzen und Hörbuch. „Der lange Abschied" (Raymond Chandler), „Der Meister und Margarita" (Michail Bulgakow) und „Der Name der Rose" (Umberto Eco) reichen für einen langen Winter. Auf meinem Nachttisch liegt ... Willi Winkler: „Luther. Ein deutscher Rebell"; Harry Rowohlt: „Und tschüs"; „Arno" von Nikolaus Heidelbach; „Ein Schlag ins Gesicht" von Franz Dobler; „Draußen rauchen ist Mord am ungeborenen Baum" von Fritz Eckenga"; „Die Drei Räuber" von Tomi Ungerer (das liegt da immer). Wenn ich noch einmal 16 wäre, ... wäre ich so schön dösig, wie man mit 16 sein darf. Außer für Geld ist in meiner Geldbörse noch Platz ... für ein Plektrum von Lemmy Kilmister („The Ace of Spades"), einen BVB-Anstecker, alte Eintrittskarten fürs Kino („Die Glorreichen Sieben"), fürs Theater („Onkel Wanja" von Tschechow, mit Lina Beckmann und Charlie Hübner) und den Tierpark Hagenbeck (mit Tropenhaus, allein schon wegen der Kattas). Sinn des Lebens Haus bauen, Apfelbäumchen pflanzen oder Kind zeugen? Sinn des Lebens ist ein heiteres, weil arbeitsames Leben, und mein Sohn Finn ist ein prächtiger Zeuge dessen. Wenn morgen die Welt untergehen würde, ... trönke ich auch an diesem Tag mein Glas Apfelsaft. Was ist auf Ihrer To-do-Liste noch nicht 
abgehakt? Die Phrase „To-do Liste" habe ich schriftlich beerdigt, ansonsten gibt es jeden Tag neue Aufgaben. Was nehmen Sie überall mit hin? Mich, ob ich will oder nicht. Ihr letzter Wille? Ein Grabstein mit der Aufschrift „Hier war ich ja noch nie!" Und dass alle, die mir am Herzen liegen, schön weitermachen. Die Rettung der Welt beginnt mit ... gibs nich, hammwa nich, könnwa nich, versuchens aba.

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