Kultur Lyrik unterm Kronleuchter

Lesung zum Jahresabschluss: Bielefelder Autorengruppe stellte Gedichte aus druckfrischer Anthologie in einer abendlichen Lesung vor

Maria Frickenstein

Bielefeld. „Wir werden die Stadt mit Lyrik fluten“, nahm sich die Bielefelder Autorengruppe vor. Für ihr Lyrikprojekt verteilte sie Handzettel mit QR-Codes am Jahnplatz, rund um den Siegfriedplatz und anderswo. Manch einer hat bereits einen QR-Reader heruntergeladen, mit dem Smartphone fotografiert und eine direkte Antwort bekommen. Wer mag, kann den Dichtern und ihren Versen hernach auf dem Internetportal Youtube lauschen, so oft er oder sie will. Unter dem Begriff „Lyrikprojekt youtube“ ist auch eine Online-Suche möglich. Im Mittelpunkt steht das Gedicht und nicht der Dichter, der sich dort nur mit einem Kürzel offenbart. Entstanden ist ein ungewöhnliches Lyrikprojekt und die schön gestaltete, auf 100 Exemplare limitierte Anthologie „Nur die ganze Welt“, herausgegeben von Antje Doßmann und Thomas Wieckhorst.Ich nähe mir ein Zelt aus Schatten Seit 17 Jahren sind Marie-Beátrice Charlin und Andreas Prybylski in der Autorengruppe aktiv, die sich auf neun Mitwirkende beschränkt. Prybylski begrüßt an diesem Abend in der Autokulturwerkstatt die Gäste. Ganz still ist es unter dem Kronleuchter. Im Kapitel 1 des Abends liest Thomas Beblo das titelgebende Gedicht „Nur die ganze Welt“: „Vielleicht / kann nur die ganze Welt / meine Zuflucht sein.“ Elke Engelhardt spricht Verse aus einer surreal anmutenden Welt, erzählt von einem Montag, an dem ein „Fisch geflogen kommt“. Ein schönes Bild findet Thomas Wieckhorst für das schreibende Ich: „ich nähe mir ein zelt aus schatten / darin wohne ich: ein siedler im wort.“ Zwischen den Kapiteln spielt Stefan Hiller auf seiner Gitarre Stücke des Komponisten Heitor Villa-Labos und des Gitarristen Baden Powel, beide Brasilianer, wunderschön auch die des amerikanischen Jazz-Gitarristen Ralph Towner. Das Publikum hört zu, wie ein Metronom tickt eine Uhr. Auf zu neuen Gedichten. „Die Zeit in mir“, „Vater Mutter Kind“, „Ohne dich“ und das 5. Kapitel „Auf der Karte ein Punkt“ folgen. Marie-Béatrice Charlin liest ihre sinnlich-verschlüsselten Gedichte. Man hört von trauernden Elfen, von einem „König ohne Krone“, einem „Zeichner ohne Stift“, vom Schlaf im Duft des Thymians. Das lyrische Ich mahnt in Susan Krellers Gedicht zum Schweigen in der Nacht. Vom flanierenden Schauen liest Bärbel Sätzepfand, vom Innehalten und Warten auf einen Kaffee auf der Piazza. In ein kleines Gedicht der Trauer rahmt Marcus Neuert die Zeit nach der Liebe, die Erinnerung an Momente der Lust und des Konflikts. Für eine Liebe auf dem unbekannten Gefühlsterrain zweier Menschen, für eine Liebe, die alles gibt und lange unendlich hofft, findet Antje Doßmann im freien Vers dynamische Bilder. Nicht jedes Gedicht ist am Abend in seiner Fülle zu erfassen. Macht nichts, einfach nachlesen oder Video-Clips schauen. Im Selbstverlag erschienen, kann die Anthologie in der Bielefelder Buchhandlung Mondo oder per Mail an bestellung@mondo-bielefeld.de erworben werden.

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