Dunkel: Doppelseite aus der Graphic Novel „Martin Luther", die die Künstler Andrea Grosso Ciponte und Dacia Palmerino geschaffen haben. - © epd-bild / Verlag Edition Faust
Dunkel: Doppelseite aus der Graphic Novel „Martin Luther", die die Künstler Andrea Grosso Ciponte und Dacia Palmerino geschaffen haben. | © epd-bild / Verlag Edition Faust

Kultur Martin Luthers Leben als Graphic Novel

Düstere Grundstimmung: Das Leben des Reformators wurde schon mehrfach verfilmt, nun auch gezeichnet. Der von italienischen Künstlern geschaffene Band wird in Frankfurt vorgestellt

Jens Bayer-Gimm

Frankfurt. „In dunklen Zeiten", so beginnt die erste Seite der Graphic Novel, und der Hintergrund des an Hieronymus Boschs „Garten der Lüste" angelehnten Eröffnungsbildes ist schwarz. Damals, im Jahr 1483, kam Martin Luther zur Welt, der als Bibelwissenschaftler die Reformation in Gang setzen und Europa erschüttern sollte. Die Dramatik seines Lebens liegt nun in den Bildern und Texten eines grafischen Romans vor. Zur heute beginnenden Frankfurter Buchmesse kommt das Werk heraus. Der Anfang war nicht einfach. Deutsche Künstler hätten wegen der Größe der Aufgabe abgesagt, berichtet der Frankfurter Verleger Werner Ost. Aber zwei italienische Künstler hätten unbefangen zugesagt: der Zeichner Andrea Grosso Ciponte und die Texterin Dacia Palmerino. Das Team hatte sich schon bei der Umsetzung klassischer literarischer Stoffe bewährt. So gestalteten die Künstler etwa „Der Sandmann" von E.T.A. Hoffmann, „Die Marquise von O..." von Heinrich von Kleist und „Der Geisterseher" von Friedrich Schiller als Graphic Novel. Der Teufel taucht leibhaftig auf Die Nationalität verhalf den Künstlern wohl zu mehr Unbefangenheit, machte die Erarbeitung aber umso aufwendiger: Alle Texte von und über Luther mussten auf Italienisch beschafft oder übersetzt werden, die Texte Palmerinos wiederum ins Deutsche übertragen werden. Die Konfession der Künstler habe keine Rolle gespielt, sagt der Verleger. Es sei nicht darum gegangen, Luther als strahlenden Helden darzustellen, sondern ein historisch zutreffendes Bild zu zeichnen. Die Zeichnungen hat Ciponte nach den Worten von Ost wie die Bilder eines Films angefertigt: „Das Buch ist Kino." In die realistischen Zeichnungen brechen gelegentlich surreale Bilder ein, die Stimmungen und Gedanken plastisch erscheinen lassen. Vor dem krisenhaften Hintergrund der Zeitgeschichte hat der Künstler eine düstere Grundstimmung gewählt. Von manchen Interpretationen war der Verleger überrascht. So habe Ciponte den erzwungenen, aber produktiven Aufenthalt Luthers auf der Wartburg als persönliche Krise im Leben des Reformators gedeutet, berichtet Ost. Der Teufel taucht leibhaftig auf, und Luther sieht sich wie in einem Zerrspiegel. Die epochale Leistung bei der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche sei dabei zunächst nur auf einer Seite abgehandelt worden. Nach Redaktionsgesprächen sind daraus sechs Seiten geworden – „wunderbar gelöst", findet Ost. Luther wandert nach der Fertigstellung des Werks durch eine Burg aus lauter Frakturbuchstaben. Damit die Darstellung historisch und theologisch zutreffend ist und die Zitate stimmen, hat der Verlag zwei evangelische Theologen zur Redaktion hinzugezogen. „Die Künstler sind eigenwillig", berichtet Eberhard Pausch, Beauftragter der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau für das 500. Reformationsjubiläum. Sie hätten sich jedoch an den historischen Fakten und Quellen orientiert. Wenige kleinere „Fehler" seien durchgerutscht, so reite Luther etwa in verkehrter Richtung über den Frankfurter Römerberg. „Das Ergebnis ist aber stimmig", fasst Pausch zusammen. Luther werde von den Künstlern mal sympathisch, mal kritisch geschildert, ist Pauschs Eindruck. Vor Kaiser Karl V. in Worms mutig, mitleidlos gegenüber den Bauern im Bauernkrieg. In der Liebesgeschichte mit Katharina von Bora gefühlvoll, wütend gegenüber theologischen Widersachern. Im Lauf des Lebens wandele sich die Darstellung des Reformators, ergänzt Ost: Als junger Mann noch einem florentinischen Adeligen ähnlich, wirke er im Alter bei seiner Hasspredigt gegen die Juden fett und behäbig. Der Verlag hat sich durch die Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche nicht nur Sachverstand in die Redaktion geholt, sondern auch die materielle Basis für die Auflage in einer Größenordnung von 5.000 Exemplaren gesichert: 1.400 Bücher nimmt die Landeskirche ab. Die Zielgruppe der jungen Erwachsenen erreiche die Kirche mit ihren übrigen Printmedien nicht, erklärt Pausch das Interesse. Verdienen werde er erst, wenn die komplette Auflage verkauft ist, sagt Verleger Ost. Das bleibe ein Wagnis: Die Zahl der Graphic-Novel-Leser sei hierzulande gering, und Luthers Leben gezeichnet etwas Neues. „Ich habe immer die Luft angehalten, dass das Werk bis zur Buchmesse fertig wird", so Ost. Nach zwei Jahren Arbeit ist das gelungen.

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