Bücher sind ihr wichtig: Die 81-jährige Doris Schäfer liebt das Lesen. „Bücher waren für mich wohl auch eine Form von Therapie", sagt sie. - © Andreas Klatt
Bücher sind ihr wichtig: Die 81-jährige Doris Schäfer liebt das Lesen. „Bücher waren für mich wohl auch eine Form von Therapie", sagt sie. | © Andreas Klatt

Kultur Mein Bücherregal (22): Ein Schlüssel zum Entdecken der Welt

Doris Schäfer beginnt ihren Tag mit der Lektüre „einiger Gedichte“ und debattiert in ihrem Literaturkreis gerne über Autoren und ihre Werke

Andreas Klatt

Bielefeld. Als Doris Schäfer vor neun Jahren nach Bielefeld zog, schloss sich hinter ihr ein langes Kapitel: 1960 war sie mit ihrem ersten Mann in die Nähe von Eindhoven gezogen, wo dieser als Übersetzer eine Stelle beim Technikkonzern Philips angenommen hatte. Mit zwei kleinen Kindern erwies sich der Start in einem neuen Land als Herausforderung – immer wieder begegneten ihr als Deutscher Ressentiments. Und das Telefonieren in die Heimat war noch ein teurer Luxus. Wer die agile Frau heutzutage in ihrer Wohnung besucht, kann sich vorstellen, dass die Anfangszeit mit kargem sozialen Netz ihr damals zugesetzt haben muss – hier hat sie sich bestens organisiert: Mit ihrer Tochter macht die 81-Jährige Tagesausflüge, Englisch spricht sie in einem freundschaftlichen Konversationskurs, in einem monatlichen Literaturkreis liest und diskutiert sie mit Freunden Werke – zuletzt Voltaires „Candide oder der Optimismus". Ihre Tage beginnt sie derzeit morgens mit einigen Gedichten zum Frühstück – besonders schätzt sie den Bielefelder Hellmuth Opitz –, tagsüber vertieft sie sich in Sachbücher wie Navid Kermanis „Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime" und in den Schlaf geleiten sie Romane, die sie um keinen Preis missen möchte. Zu eindrücklich war die Erfahrung, beim schweren Start in Holland in ihnen Trost gefunden zu haben. In einem mehrteiligen Roman von Rose Franken fand sie eine Schilderung, wie die Hauptfigur nach langem Ringen eine Depression überwindet, und das wiederholte Lesen dieser offenbar autobiografischen Erfahrung half ihr, über die eigene depressive Phase hinwegzukommen. Ein Buch half ihr, ihren Vater besser zu verstehen „Bücher waren für mich wohl auch eine Form von Therapie", blickt sie auf ihr Leben zurück. Ihr Vater, der im Ersten Weltkrieg an der Front gewesen war, sei nachts häufig schweißgebadet aufgewacht – reden konnte er, wie so viele, über das erlebte Grauen nicht. Und Doris Schäfer begegnete auch erst nach seinem Tod einem Buch, das ihr half, den Vater besser zu verstehen, Ludwig Harigs „Ordnung ist das halbe Leben". Der Autor schildert, wie er mit seinem Vater zu den Orten reist, die dessen Leben zutiefst geprägt hatten: Schlachtfelder, die Überlebende in ein zivilisiertes Leben entließen, in dem sie Normalität für sich und Angehörige neu zu erschaffen hatten. Dieser Mut, sich fortlaufend neu zu erfinden, scheint etwas zu sein, was das Lesen in Schäfers Leben gepflanzt hat. Für ihre Familie sei es auch eine Erlösung gewesen, als ihr mit sieben Jahren endlich das größte Hobby ihres Lebens zufiel – so sehr sei sie den anderen mit ihrer Fragerei und Neugierde auf den Wecker gegangen. Nun endlich konnte sie lesen – und wurde nicht müde, sich dieses Schlüssels zum Kennenlernen der Welt ein ums andere Mal zu bedienen. Dabei sei es 1940 gar nicht so einfach gewesen, Bücher zu finden, die nicht infiltriert waren vom Nationalsozialismus. Schäfer erlas sich das Ende des 19. Jahrhunderts verfasste „Trotzköpchen", sie weinte mit einer Familie armer Puppenmacher im Thüringer Wald, deren Leben in einem Buch von Agnes Sapper erzählt wurde. Nach der Kapitulation musste ihre Familie einige Wochen lang die Bad Hersfelder Wohnung für amerikanische Soldaten räumen. Schäfer riss Porträts von Adolf Hitler aus ihren Schulbüchern – und tauschte sie bei den Amerikanern, für die Fotos von Hitler als Souvenir hoch im Kurs standen, gegen Kaffee ein. Immer wieder habe ihr Vater sie gegen Schubladendenken immunisiert, indem er ihr sagte, dass bei einem Krieg der Feind nicht weniger wert sei, dass er genauso leide. Das sei wohl auch ein Grund gewesen, warum ihr die holländische Monarchie stets fremd geblieben ist: Dass bestimmte Menschen qua Geburt bestimmte Privilegien haben sollen, das widerstrebt Doris Schäfer. Deshalb habe sie auch, als sie später 18 Jahre lang mit einem Holländer verheiratet war, nie daran gedacht, die holländische Staatsbürgerschaft anzunehmen. „Schon aus Prinzip nicht", wie sie mit Nachdruck versichert. In Literatur findet sie abgebildet, welche Risiken uns als Gesellschaft dräuen: Aldous Huxleys „Schöne neue Welt" habe sie neulich erneut gelesen – und sei bestürzt gewesen, wie aktuell angesichts von Entwicklungen wie der Genmanipulation das Szenario einer straff geregelten Welt anmute, in der Werte wie Tapferkeit, Treue und Liebe überflüssig geworden sind, weil alles vorhersehbar und einer Zähmung unterworfen worden ist – auf Kosten von persönlichen Bindungen. Bindungen spielen auch eine Rolle, wenn Schäfer sich ihrem anderen großen Hobby zuwendet, der Ahnenforschung. Bis ins 16. Jahrhundert reichen ihre Recherchen inzwischen zurück – und Schäfer ist fasziniert, wie lebendig Geschichtsepochen plötzlich werden, wenn sie mit Geschichten der eigenen Familie illustriert sind. In den Fünfzigern hat sie als Sekretärin angefangen, arbeitete in Frankfurt unter anderem in der Pressezentrale der „Paramount Films of Germany". Dann in Holland unter anderem als Deutschlehrerin. Ein bewegtes, reichhaltiges Leben – sollten sich auch ihre Nachfahren eines Tages der Ahnenforschung widmen, wird es für sie in Doris Schäfers Leben sicherlich viel zu entdecken geben.

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