Selfie mit Schuhu: Hans Zippert während einer Radtour auf Sylt. - © hans zippert
Selfie mit Schuhu: Hans Zippert während einer Radtour auf Sylt. | © hans zippert

Kultur Autor und Kolumnist Hans Zippert im Interview

Ein Gespräch über Tabuthemen und Besonderheiten des westfälischen Humors

Christine Longère

Bielefeld. Im Interview spricht Autor und "Welt"-Kolumnist Hans Zippert zu Tabuthemen, seiner Wahlverwandtschaft mit Peter Hille und den Besonderheiten westfälischen Humors. Herr Zippert, am 9. September werden Sie mit dem Peter-Hille-Literaturpreis „Nieheimer Schuhu" ausgezeichnet. Die Jury konstatiert eine Wahlverwandtschaft. Was verbindet Sie aus Ihrer Sicht mit Peter Hille? Hans Zippert: Wir sind beide in Westfalen geboren, hatten große Schulprobleme und haben beide unser Leben lang vergeblich gehofft, irgendwann mal groß rauszukommen. Der „Nieheimer Schuhu" ehrt Autorinnen und Autoren, die in Westfalen geboren wurden, in Westfalen leben oder deren Werk einen besonderen Bezug zu Westfalen aufweist. Gibt es eine spezielle Art von westfälischem Humor? Zippert: Es bietet sich an, das so zu sehen, weil ja vor allem Ostwestfalen Inbegriff von Provinz ist. Und alles, was daraus hervorscheint, wird natürlich ganz besonders wahrgenommen. Ob es da überdurchschnittlich viele Menschen gibt, die im komischen Bereich tätig sind, müsste man statistisch feststellen. Auf jeden Fall pflegen wir aufzufallen. Wenn Kabarettisten aus anderen Regionen Ostwestfalen erwähnen, liegt ja das Publikum schon am Boden. Auch mit Bielefeld kann man immer sichere Lacher erzeugen. Das ist ja auch gut so. Klischees müssen gepflegt werden, das ist ja das Wichtigste, was man hat. Die dürfen nicht einfach kampflos aufgegeben werden. In einem sehr witzigen Video der „Welt" bewerben Sie sich als jemand, der die Welt retten möchte. Entspricht das Ihrem Selbstverständnis? Zippert: Ich habe den Job ja nicht bekommen, ich wirkte wohl irgendwie zu unmotiviert, vielleicht auch zu alt. Grundsätzlich würde ich gerne die Welt retten, wenn das vom Schreibtisch aus möglich wäre und ich dafür weder tauchen, noch auf einem Pferd reiten müsste. Welche Aufgaben oder welche Funktion hat für Sie Satire? Kann sie Leser „fit für die nächste Krise" machen? Zippert: Wenn uns irgendetwas auf Krisen, Schicksalsschläge oder Katastrophen angemessen vorbereiten kann, dann ist das neben der Bibel die Satire. Sie geht naturgemäß vom Schlimmsten aus, und wenn es dann doch nicht ganz so schlimm wird, ist man schon froh. Sie widmen Ihre Texte „Problemen von existenzieller Bedeutung" wie zum Beispiel der Frage: „Müssen Asylbewerber sächsisch sprechen können?" Gibt es für Sie Tabuthemen? Zippert: Ich würde nur sehr ungern meine Mutter zum Gegenstand einer Satire machen, aber wenn der Witz gut wäre, was soll’s. Ich finde, Tiere sollten nicht ohne Not der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Man sollte aber so oft wie möglich darauf hinweisen, dass Katzen überhaupt nicht putzig sind, sondern brutale Vogelmörder. Sie sind kein Katzenfreund? Zippert: Wenn Sie das an die große Glocke hängen möchten, können Sie das ohne weiteres so sehen, ja. Seit 1999 erscheint Ihre Kolumne „Zippert zappt" auf der ersten Seite der „Welt". Ist es anstrengend, sich jeden Tag etwas auszudenken, was lustig ist? Zippert: Das ist unglaublich anstrengend, das ist eine übermenschliche Leistung, Es ist ja sogar anstrengend, sich etwas auszudenken, was nicht lustig ist. Und das Alleranstrengendste ist es, den Unterschied zu erkennen. „Was macht dieser Hans Zippert eigentlich den ganzen Tag?" Darüber klärt eines Ihrer Bücher auf. In der Einleitung heißt es: „Als Kind hatte ich nicht die geringste Ahnung, was das überhaupt war, ein Kolumnist." Hatten Sie zu jener Zeit andere Berufsziele? Zippert: Der einzige Berufswunsch, an den ich mich erinnern kann, war Zoodirektor. Sobald ich aber meine erste Biologiestunde bei Herrn Gebauer hatte, nahm ich davon wieder Abstand. Danach wollte ich unbedingt Fred Astaire werden, der eleganteste und coolste Mann, der je gelebt hat, aber ich konnte nicht tanzen. Mit 12 habe ich als Zeitungsausträger angefangen und vor allem die Hörzu im Bielefelder Osten ausgetragen. Jetzt schreibe ich wöchentlich in der Hörzu eine Kolumne, das nennt man einen gradlinigen Berufsweg. Welche Bedeutung hatten Kindheit und Schulzeit in Bielefeld für Ihr weiteres Leben? Zippert: Ohne Kindheit hätte ich niemals der werden können, der ich heute bin. Ob das für oder gegen meine Kindheit spricht, müssen andere entscheiden. Im Gegensatz zur Schulzeit bin ich mir auch nicht sicher, ob meine Kindheit jemals zu Ende gegangen ist. Auf Ihrer Facebook-Seite zählen Sie vier biografische Stationen auf: Geburt 1957, Abitur 1978, Heirat 1991, Schlaganfall 2009. Waren es, mal abgesehen von der Geburt, einschneidende Erlebnisse? Zippert: Meine Geburt war kein Kaiserschnitt, daher nicht besonders einschneidend, der Heiratsvorgang dauerte ca. 20 Minuten, der Schlaganfall vielleicht eine Stunde, aber das Abitur 16 Jahre. Das versteht man, glaube ich, auch nicht unter einem einschneidenden Erlebnis. Hat das Erlebnis des Schlaganfalls Ihr Leben oder Ihre Einstellung zum Leben verändert? Zippert: Das kann ich eindeutig verneinen. Dazu war es zu geringfügig und zu bizarr, wie ich es in meinem Bericht darüber beschrieben habe. Es war nicht dieser Moment, wo man sagt, ich muss jetzt alles ändern.

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