Eindringlicher Appell: Peter Finke (r.) erläutert NW-Kulturchef Stefan Brams seine Ideen einer lebendigen Bürgerwissenschaft. - © Andreas Frücht
Eindringlicher Appell: Peter Finke (r.) erläutert NW-Kulturchef Stefan Brams seine Ideen einer lebendigen Bürgerwissenschaft. | © Andreas Frücht

Kultur Peter Finke: „Die Bürgergesellschaft wird ignoriert“

Mittagsgespräche im Holzhaus (1): Peter Finke nennt die bisherige Kampagne für eine Wissenschaftsstadt Bielefeld „eine verkehrte Strategie“, weil sie das große Potenzial und das Wissen der Laien ausklammert

Stefan Brams

Bielefeld. Peter Finke, der bis 2005 an der Uni Bielefeld als Professor lehrte und forschte, ist Wissenschaftstheoretiker. Und vehementer Kritiker einer Wissenschaft, die sich allein im Elfenbeinturm der Hochschulen abspielt. Der 74-Jährige, der sich zeitlebens neben seinem Beruf auch amateurwissenschaftlich engagiert hat, setzt dagegen auf eine „lebendige Bürgerwissenschaft inmitten der Zivilgesellschaft". Daher wundert es nicht, dass der Forscher für das erste Mittagsgespräch im Holzhaus das Thema „Wissenschaftsstadt Bielefeld" gewählt hat.

Finke nennt das neue Etikett, das sich die Stadt seit einiger Zeit aufklebt und in einem Haus der Wissenschaft am Standort der alten Stadtbibliothek seinen steinernen Ausdruck finden soll, unumwunden „eine verkehrte Strategie, ein bloßes Wunschbild".

"Wissenschaft wird auf Berufsforscher verengt"

Etwas verwunderlich auf den ersten Blick für einen Gelehrten, der von der Qualität der hiesigen Universität überzeugt ist, es begrüßt, ja geradezu fordert, dass die Wissenschaft die Hochschulen verlässt, die Menschen und ihre Erfahrungen miteinbezieht und so zu einer Bürgerwissenschaft wird.

Doch für Finke ist das kein Widerspruch. Er kritisiert: „Ein Wunschbild entspricht eben nicht unbedingt der Wirklichkeit. Bielefeld als Wissenschaftsstadt ist Ausdruck der Ideen einiger Planer; ob die Bürger einer Stadt diese teilen, ist eine ganz andere Frage." Und er mahnt: „Die Kultur einer Stadt zu beeinflussen oder gar zu verändern, ist wesentlich mehr als ein Marketingproblem, Anliegen einer Partei oder gar nur ein Strategieziel der Stadtverwaltung, sondern ein Problem der ganzen Bürgerschaft. Ohne frühzeitige Einbeziehung der Zivilgesellschaft wird das Vorhaben zumindest kein Resultat erbringen, das Aussicht auf breite Akzeptanz hat."

In Bielefeld sei einfach die Marketing GmbH damit beauftragt worden, die Stadt als Wissenschaftsstadt darzustellen. Das dort eingerichtete Wissenschaftsbüro solle nicht die Identität dieser Stadt neu denken, sondern Werbung für sie machen. Deshalb sei es auch falsch gewesen, ehemalige Universitätslenker zu Moderatoren dieses Prozesses zu machen, „weil so die Wissenschaft viel zu schnell auf Institutionen und ihre Berufsforscher verengt wird, statt die Bürger und ihre sehr unterschiedlichen Perspektiven auf Lernen und Forschen miteinzubeziehen." So käme am Ende lediglich etwas Reduziertes wie ein Schaufenster der Hochschulen der Stadt und Showveranstaltungen wie ,Fame Labs’ dabei heraus.

Dass dies ein falscher Weg sei, habe er auch schon im Wissenschaftsbüro gesagt. Zwar sei Bielefeld eine Stadt mit guten Hochschulen, aber noch lange keine Wissenschaftsstadt, „nur weil sie es plötzlich sein soll". Für Finke wird ein Haus der Wissenschaft, so wie es bisher geplant sei, „daran nichts entscheidend ändern. Es werde lediglich dokumentiert, dass man hier jetzt auch Wissen und Forschen als professionell hergestellte Qualitätsware verkaufen möchte. Er verweist auf Städte wie Tübingen, Münster oder seine Heimatstadt Göttingen, „wo ein einziger Gang durch die jeweilige Innenstadt die Allpräsenz der Wissenschaft als kulturellen Identitätsfaktor bestätigt".

Finke nennt es einen Trugschluss, „dass Bielefeld sich über ein solches Hochschulschaufenster, so sehr es für die Universität auch wünschenswert sei, ein neues Image verschaffen könne. Diese Stadt habe vor allem ein Identitäts- und somit ein kulturelles Problem, ein Problem mit ihrem unbefriedigenden bisherigen Selbstverständnis, das eben mit der gewachsenen bloßen Tradition des Kaufens und Verkaufens oder dem Teutoburger Wald als alleinigem Identitätsmerkmal nicht mehr zufrieden ist – verständlicherweise".

Aber allein mit einem Logo, einer Markenkampagne, einem Wunschetikett von Marketingfachleuten lasse sich keine neue Identität stiften. „Es wurde schlichtweg versäumt, die kreativen Wissens- und Handlungspotenziale, die auch in der vielseitigen hiesigen Stadtgesellschaft reichlich schlummern, an die erste Stelle zu rücken. Die Bürger nicht von Anbeginn einzubeziehen, um eine attraktive neue Identität zu schaffen, ist ein Fehler."

"Das ehrenamtliche Forschen muss ernst genommen werden"

Finke, der als Autor des Buches „Citizen Science" in Mitteleuropa weit herumgekommen ist, verweist unter anderem auf das Projekt „Zukunftsstadt" in Dresden oder die Arbeit der „Stadtteilhistoriker" in Frankfurt. In beiden Orten sei die Bürgergesellschaft auf vielfältige Art und Weise tief eingebunden. „Eben darum geht es: die städtische Zivilgesellschaft von vornherein ernsthaft als Akteur wahrzunehmen, nicht nur als die Bewohner eines Häusermeers, Benutzer der Straßen oder Besucher von Einrichtungen, sondern als das Wichtigste einer Stadt: ihre aktiven Kulturträger, diejenigen, die das Leben einer Stadt ausmachen und gestalten", betont Finke, der sich dafür ausspricht, Wissenschaft ganz anders zu denken. „Wissenschaft ist weit mehr, als dasjenige, was von einer Ansammlung hoch spezialisierter Fachprofis an speziellen Institutionen beruflich erzeugt wird." Sie schließe auch das breite ehrenamtliche Bemühen um Bildung und Forschung auf den unterschiedlichsten Gebieten ein: Geschichte, Natur, Wirtschaft, Digitalisierung, künstlerische Ausdrucksformen, neue Lebensstile; viele Einzelne, Gruppen, Initiativen, Bürgervereine, lockere Netzwerke, Start-up-Pioniere, Bürgerkulturen seien hier unterwegs. „Nur deren Arbeit an lokal geerdetem Wissen ist identitätsstiftend", so Finke.

Dieses Potenzial sollte Bielefeld zur Entfaltung kommen lassen. „Dann kann man die Stadt des Kaufens und Verkaufens sehr wohl auch als Ort einer lebendigen Wissenschaft präsentieren, nicht nur durch ein hauptsächlich von Berufswissenschaftlern bespieltes Haus, sondern indem man das selbstbestimmte kreative Lernen, Forschen, Wissen und Schaffen vieler Bürgerinnen und Bürger ernst nimmt und bewusst in den Mittelpunkt stellt."

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