Regisseur Werner Schroeter, über den Christoph Schlingensief sagte: "Schroeter ist selbst eine Oper". - © FOTO: DPA
Regisseur Werner Schroeter, über den Christoph Schlingensief sagte: "Schroeter ist selbst eine Oper". | © FOTO: DPA

Murnau-Filmpreis für Werner Schroeter und Elfi Mikesch

Verleihung am 14. März in der Bielefelder Oetker-Halle

VON ANKE GROENEWOLD

Bielefeld. Als Werner Schroeter 2002 am Bielefelder Theater Puccinis Oper "Madame Butterfly" inszenierte, stiegen Erinnerungen in dem Regisseur auf. Als er fünf Jahre alt war, hatten er und seine Familie samt seiner polnischen Großmutter, einer ehemaligen Schönheitskönigin, die DDR verlassen. Sie kamen bei Verwandten in Bielefeld unter und blieben acht Jahre. Jetzt schließt sich der Kreis.

Der 64-jährige Werner Schroeter erhält den Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreis gemeinsam mit der Kamerafrau Elfi Mikesch (69). Beide haben mehrere Filme gemeinsam gedreht unter anderem "Der Rosenkönig", "Malina" und "Poussières d’Amour". Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird am 14. März in der Bielefelder Oetkerhalle verliehen.

"In ihren gemeinsamen Filmen ebenso wie in ihren eigenen Werken arbeiten beide Filmschaffenden an einem zutiefst visuellen Kino, das die sichtbare Wirklichkeit um deren unsichtbare Komponente ergänzt, die Wirklichkeit um Sehnsucht und Gefühl", erklärt die Jury.

Erfüllt von der Liebe zur Oper seien unter Werner Schroeters Hand filmische Gesamtkunstwerke entstanden. "Seine Filme fügen sich in das kulturhistorische Erbe, das der Erfindung des Kinos vorangeht – dies verbindet sie ganz selbstverständlich mit der genialen Ästhetik Friedrich Wilhelm Murnaus", so die Jury.

Der 1945 in Georgenthal/Thüringen geborene Schroeter, früher eng mit Rosa von Praunheim befreundet, gilt neben Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge, Werner Herzog und Wim Wenders zu den wichtigsten deutschen Filmregisseuren der Nachkriegszeit. Er beginnt seine Karriere als Experimentalfilmer. 1973 lernt Schroeter die Operndiva Maria Callas kennen, deren Kunst ihn bereits seit 1958 beeinflusst und zu mehreren Filmen inspiriert hat. Auch Schroeter versucht, auf der Filmleinwand in exzessiver Weise "die wenigen total vertretbaren Gefühle: Leben, Liebe, Freude, Hass, Eifersucht und Todesangst in ihrer Totalität und ohne psychologische Analyse vorzutragen".

1979 inszeniert er mit "Lohengrin" in Kassel seine erste Oper. Auf die Gattung konzentriert er sich in den 90er Jahren. Der Kinofilm "Neapolitanische Geschwister" (1978) wird mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet, das Gastarbeiterdrama "Palermo oder Wolfsburg" 1980 auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären gewürdigt.

Mit mehreren deutschen Filmpreisen wird "Malina" (1991) mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle bedacht. 1996 erhält er den Ehren-Leoparden der Filmfestspiele Locarno, 2008 wird er in Venedig mit dem Spezial-Löwen für sein "innovatives, kompromissloses und oft provokantes" Lebenswerk ausgezeichnet. 2000 bekommt er den Arte-Preis für "Die Königin" mit Marianne Hoppe, die er als 12-Jähriger in Bielefeld zum ersten Mal auf der Bühne erlebt hatte.

Kamerafrau Elfi Mikesch (undatiertes Archivfoto). - © FOTO: DPA
Kamerafrau Elfi Mikesch (undatiertes Archivfoto). | © FOTO: DPA

In diese "Zauberwelt" zieht es Schroeter oft, weil die beste Freundin seiner Mutter zum Schauspielensemble gehörte. In Bielefeld sieht er mit einer "folklorekitschigen ,Carmen’" auch seine erste Oper. Schroeter hat selbst am Bielefelder Haus inszeniert: "Madame Butterfly" (2002) und Verdis "Don Carlos" (2005).

Über die 1940 im österreichischen Judenburg geborene Preisträgerin Elfi Mikesch sagt die Jury: "Ihre Arbeit als Kamerafrau ist bahnbrechend: Insbesondere für Rosa von Praunheim, Monika Treut und Werner Schroeter schuf sie Bilder, die Wahrheit und Traum, Fiktion und Wirklichkeit zu einer Einheit weben". Seit den 70er Jahren zähle sie überdies als Autorin und Regisseurin zu den einfühlsamen Stimmen des deutschen Dokumentarfilms. Ihr ruhiger Blick öffne dem Zuschauer die Augen für die Welt der Kinder in "Ich denke oft an Hawaii" und für die Lebenskultur der Älteren in "Was soll’n wir denn machen ohne den Tod".

Stets aufgeschlossen sei die sensible Kamerafrau für Technik, der sie immer neue Ausdrucksformen entlocke. So habe sie bereits 1980 in ihrem Film ,Apocalypso’ mit dem damals noch heftig umstrittenen Medium Video gearbeitet.

Der Murnau-Preis

Der Murnau-Preis wurde 1988 erstmals zum 100. Geburtstag des 1888 in Bielefeld geborenen Stunmfilmregisseurs Friedrich Wilhelm Murnau ("Nosferatu") verliehen und ging an Eric Rohmer. Danach erhielten ihn Wim Wenders, der Kameramann Henri Alekan, Herbert Achternbusch, Jacques Rivette und zuletzt 2001 Werner Herzog. Initiator des Preises war Horst Annecke, seinerzeit beim Bankhaus Lampe tätig. Die Bielefelder Bankenvereinigung stiftete das Preisgeld. Annecke hat sich auch für die Wiederbelebung des Murnau-Preises stark gemacht. Er ist Anwalt in der Kanzlei Streitbörger Speckmann, die jetzt das Preisgeld stiftet. Vorsitzender der neu gegründeten "Gesellschaft zur Verleihung des Bielefelder Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreises e.V." ist Jost Streitbörger. Horst Annecke sitzt der Jury vor, der Christiane Heuwinkel (Bielefelder Murnau-Gesellschaft und Kunsthalle), Stefanie Schulte Strathaus (Arsenal Institut und Berlinale) und Daniel Kothenschulte (Stummfilmmusiker und Filmrezensent) angehören.

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