Holm Friebe über seine Stein-Strategie und "die Kunst nicht zu handeln"

"Wir können von Steinen lernen"

Holm Friebe: "Wir können von Steinen lernen" - © Kultur
Holm Friebe: "Wir können von Steinen lernen" | © Kultur

Bielefeld. Nicht-Handeln, Stillhalten und Abwarten sind in vielen Situationen die bessere Wahl, sagt Holm Friebe. Mit seinem neuen Buch "Die Stein-Strategie" bezieht er Gegenposition zum grassierenden Hyper-Aktionismus und Erschöpfungsstolz. Thomas Klingebiel sprach mit ihm über den Bundestagswahlkampf, überzogenes Selbstvertrauen von Experten und das Steinesammeln.

Herr Friebe, Peer Steinbrück führt zwar den Stein im Namen, aber die Großmeisterin der Stein-Strategie, schreiben Sie, ist Angela Merkel. Ist die Bundestagswahl am Sonntag auch ein Prüfstein für Ihre These? Sehen wir einer weiteren Steinzeit entgegen?
HOLM FRIEBE:
Es ist ein guter Freilandversuch, um den Erfolg dieser Konzepte gegeneinander laufen zu lassen. Angela Merkel hat die Taktik - ich würde in diesem Fall eher von Taktik sprechen - des Abwartens, Hinauszögerns, Kommen- und Abtropfenlassens zu einer Perfektion kultiviert, dass kaum ein Kraut dagegen gewachsen ist.

War auch ihr Wahlkampf steintaktisch bestimmt?
FRIEBE:
Ja, sie hat den Wahlkampf sediert, hat alle Themen systematisch abgeräumt. Steinbrück hat keinen Keil gefunden, den er da reintreiben kann.

Ist die Stein-Strategie eher etwas für Regierungsparteien, weniger für die Opposition?
FRIEBE:
Natürlich lässt sich das leichter anwenden aus einer Position der Stärke, aber im Grunde gilt es für beide Seiten: Verzicht und Reduktion auf wenige Kernpunkte, die man beharrlich verfolgt. Das können wir von den Steinen lernen, und genau das habe ich bei Steinbrück nicht gesehen.

Holm Friebe denkt viel über die Welt der Steine nach und findet, dass deren Passivitätsprinzip ein sträflich unterschätztes Erfolgsmodell ist. - © FOTO:PRIVAT/MONTAGE: THOMAS LÖHRIG
Holm Friebe denkt viel über die Welt der Steine nach und findet, dass deren Passivitätsprinzip ein sträflich unterschätztes Erfolgsmodell ist. | © FOTO:PRIVAT/MONTAGE: THOMAS LÖHRIG

Gerhard Schröder konnte es, wurde aber für seine "Politik der ruhigen Hand" fürchterlich verprügelt...
FRIEBE:
Im Prinzip war es aber genau richtig: sich auf Weniges konzentrieren, das aber richtig umsetzen. Ich glaube viel mehr kann man sich von Politik nicht versprechen.

Ist Griechenland ein Beispiel dafür, dass die Stein-Strategie auch im großen Stil schiefgehen kann?
FRIEBE:
Aus deutscher Perspektive hat sie ja auf gefährliche Weise funktioniert. Deutschland hat unglaublich profitiert von der ganzen Krise. Merkel hat immer nur gesagt, unsere Maßnahmen sind alternativlos und hat Kritik ausgesessen. Nur jetzt fällt es uns auf die Füße, weil die Schwäche Europas zur Schwäche Deutschlands wird.

Copyright © Neue Westfälische 2017
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group