Bielefeld Vernarrt in die Äpfel

Der Pfarrer und Pomologe Korbinian Aigner wird jetzt als Künstler entdeckt

VON STEFAN BRAMS

Den Apfel "KZ-3" hat Korbinian Aigner im KZ heimlich gezüchtet. Nach seiner Flucht hat er die Sorte mit der Nummer 600 gemalt. - © FOTO: TU MÜNCHEN
Den Apfel "KZ-3" hat Korbinian Aigner im KZ heimlich gezüchtet. Nach seiner Flucht hat er die Sorte mit der Nummer 600 gemalt. | © FOTO: TU MÜNCHEN
Vernarrt in die Äpfel - © Kultur
Vernarrt in die Äpfel | © Kultur

Bielefeld/Berlin. Ausgerechnet im Konzentrationslager von Dachau, diesem Ort der Qualen und des Todes, gelang es dem katholischen Pfarrer Korbinian Aigner, neues Leben zu schaffen. Der Apfelpfarrer genannte Aigner züchtete dort heimlich vier Apfelsorten - im jeden Jahr seiner Haft eine. KZ-1 bis KZ-4 betitelte er sie und schmuggelte die Sämlinge hinaus.

"KZ-3" wird bis heute angebaut. Seit den 80er Jahren unter dem Namen "Aigner-Apfel". Doch Aigner hat nicht nur Äpfel gezüchtet, sondern auch mehr als 649 Apfel- und 289 Birnensorten in Postkartengröße gemalt. Dieses faszinierende Gesamtwerk kann der Interessierte jetzt dank eines 512 Seiten starken Prachtbands, der im Verlag Matthes & Seitz erschienen ist, auf sich wirken lassen.

Information

Pfarrer und Lehrer

  • Der Bauerssohn, Pfarrer und Religionslehrer Korbinian Aigner, 1885 in Hohenpolding geboren, lehrte seit etwa 1912 Zeichnen am Knaben-Seminar Scheyern.
  • Als Gegner der Nazis wurde er denunziert und inhaftiert. Im Dachauer KZ züchtete er Schößlinge für Apfelbäume. Aigner gab den Sorten die Namen KZ-1, KZ-2, KZ-3 und KZ-4.
  • Er überlebte die Haft, blieb Seelsorger und widmete sich bis zu seinem Tod 1966 dem Obstbau und der Zeichnung von Apfelsorten.

Dass Aigner, der 1885 in Hohenpolding in Oberbayern geboren wurde, nun auch als Künstler entdeckt und gewürdigt wird, ist Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev zu verdanken. In dem wohl überzeugendsten Raum der letztjährigen Kasseler Kunstschau zeigte sie die Apfelbilder des Pfarrers, die dieser zwischen 1910 und 1966 akribisch gemalt hat.

Hunderte gerahmte Äpfel

Wer den Raum im Fridericianum betrat, war gebannt von seiner Monotonie, seiner Strenge. Bis unter die Decke waren hunderte gerahmte Äpfel zu sehen. Jeder Apfel eine andere Sorte. Jedes Bild gleich groß. Jeder Apfel dennoch verschieden. Ein Millionenpublikum entdeckte in Kassel den Apfel-Pfarrer. Als "Konzeptkunst" titulierten die Documenta-Macher Aigners Werk. Neben den Pfarrer, Apfelkundler und Wissenschaftler tritt seitdem der Künstler Aigner. Doch dabei ist, wie Julia Voss in ihrem trefflichen Vorwort zum Band "Korbinian Aigner. Äpfel und Birnen - Das Gesamtwerk" schreibt, nicht einmal klar, was den Pfarrer letztendlich zu seinem künstlerischen Werk getrieben hat.

Es gibt nur wenige Akten, Briefe und Berichte von Augenzeugen über diesen ungewöhnlichen Menschen, der sich regelmäßig mit den Bauern im Wirtshaus zum Frühschoppen traf, den Hohenpoldinger Obstbauverein gründete, Mitglied der Bayerischen Volkspartei war und es mit dem Pfarrersein und vor allem dem Zölibat nicht zu genau nahm. "Pomolog schielt zu sehr nach dem Weiblichen", heißt es in einem kirchlichen Vermerk. "Sittliches Betragen nicht zweifelsfrei", heißt es an anderer Stelle, weil Aigner sich 1923 mit einem Dienstmädchen eingelassen hatte. Eine Strafversetzung folgte und erst 1931, zwanzig Jahre nach seiner Priesterweihe, erhält der mittlerweile 46-Jährige ein Pfarramt.

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