Frank Kunert mit dem Modell "Babyfon". Auf dem Ballkon steht ein Kinderwagen mit Mikrofon. - © FOTOS: CHRISTINE LONGÈRE
Frank Kunert mit dem Modell "Babyfon". Auf dem Ballkon steht ein Kinderwagen mit Mikrofon. | © FOTOS: CHRISTINE LONGÈRE

Bad Pyrmont Das Absurde im Alltag

Das Museum im Schloss Bad Pyrmont zeigt bis 28. April Frank Kunerts "Verkehrte Welt"

Bad Pyrmont. Über dem Portal des streng geometrisch konstruierten, aufgeständerten Baus steht "Museum of Contemporary Art". Die Pointe der realistisch wirkenden Fotografie mit dem Titel "Auf hohem Niveau" erschließt sich dem Betrachter erst auf den zweiten Blick. Dieses Museum ist für Besucher nicht erreichbar, weil die Treppe in Höhe der Baumwipfel beginnt.

Frank Kunert fotografiert Architektur, die er selbst erbaut. Die Kulissen für seine "Verkehrte Welt" entstehen im Atelier, häufig im Maßstab 1:20. "Die Haustür ist zehn Zentimeter hoch, das kann man sich gut merken."

Den ausgebildeten Fotografen interessiert das Absurde im Alltag. Seine in minutiöser Handarbeit geschaffenen Inszenierungen sind ironische Kommentare der Realität. Mit Witz, zuweilen auch schwarzem Humor karikieren sie Lebens- und Umweltsituationen.

Prozess ähnelt dem eines Bühnenbildners

1963 in Frankfurt geboren, lebt Kunert in Boppard am Rhein, wo er sich dem Gestalten und Fotografieren seiner "kleinen Welten" widmet.

Außer einer Vielzahl seiner fotografischen Arbeiten sind im Pyrmonter Schloss auch etliche der als Vorlage dienenden Modelle zu sehen. Sie vermitteln einen Eindruck von der Sorgfalt, die für die satirischen Versuchsanordnungen aufgewendet wird.

Der Arbeitsprozess ähnelt dem eines Bühnenbildners, der Räume schafft für Träume und Alpträume, für kleine und große Katastrophen. Als Material dienen Leichtschaumplatten, Wellpappe, Baumwurzeln. Boxershorts verwandeln sich in Gardinen, Filzstiftkappen in Blumentöpfe, Zahnseidehülsen werden zu Lampen für die Tunnelbeleuchtung. Abgelichtet werden die wirklichkeitsnahen, raffiniert ins Licht gesetzten Arrangements mit einer alten Plattenkamera. Erst die Fotografie macht die Täuschung perfekt.

Über vielen der Motive liegt ein Hauch von Melancholie. "Hinter jeder Trostlosigkeit steht der Wunsch nach Trost", sagt Kunert. Die Leichtigkeit seiner in Bilder umgesetzten Fabulierkunst vertreibt Trübsinn und stimmt versöhnlich.

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