Wie politisch korrekt muss ein Kinderbuch sein?

Verlage und Experten diskutieren über eine Überarbeitung

VON JESSICA KLEINEHELFTEWES
Wie politisch korrekt muss ein Kinderbuch sein? - © Kultur
Wie politisch korrekt muss ein Kinderbuch sein? | © Kultur

Bielefeld. Sind Grimms Märchen sexistisch? Ist Pippi Langstrumpf rassistisch? Wie politisch korrekt muss ein Kinderbuch sein? Aus Astrid Lindgrens Kinderbuch ist der "Negerkönig" schon verschwunden. Pippis Vater Efraim ist seit 2009 "Südseekönig". Nun sollen auch Worte wie "Negerlein" aus Otfried Preußlers Klassiker "Kleine Hexe" verschwinden.

"Uns geht es nicht um Political Correctness. Es geht darum, Begriffe auszutauschen, die Kinder heute nicht mehr verstehen", sagt Verleger Klaus Willberg zur Ankündigung des Stuttgarter Thienemann-Verlags, die Klassiker von Preußler zu überarbeiten. "In dem Kapitel kommt es etwas heftig", sagt er. Dabei würden die Begriffe für die Aufzählung gar nicht unbedingt gebraucht.

Konkret geht es um ein Kapitel, in dem von einer Fastnachtsfeier die Rede ist und von Kindern, die sich unter anderem als "Negerlein", "Türken" und "Chinesinnen" verkleiden. Auch über Begrifflichkeiten wie "Schuhe wichsen" solle nachgedacht werden. Das sei Kindern heute nicht mehr geläufig.

Preußler stimmte den Änderungen zu

Anlass für die Debatte ist eine Neuauflage von drei Preußler-Klassikern zum bevorstehenden 90. Geburtstag des Autors. Ein Vater hatte sich beklagt, dass seine dunkelhäutige Tochter einen so beleidigenden Begriff in einem ihrer Lieblingsbücher hatte lesen müssen. Daraufhin stimmte Preußler den Änderungen zu.

Das Wort "Negerkönig" wurde in "Pippi Langstrumpf auf Taka-Tuka-Land" inzwischen in "Südseekönig" umgewandelt. - © FOTO: DPA
Das Wort "Negerkönig" wurde in "Pippi Langstrumpf auf Taka-Tuka-Land" inzwischen in "Südseekönig" umgewandelt. | © FOTO: DPA

Neu ist diese Diskussion jedoch nicht. Auch Klassiker wie Tim und Struppi, Tom Sawyer und Huckleberry Finn oder Jim Knopf müssen sich Vorwürfe gefallen lassen. Andere Verlage feilen bereits an ihren Büchern. In den Abenteuern um den Salamander "Lurchi", herausgegeben vom Esslinger Verlag, wurde aus einem "Negerlein" ein "Schornsteinfegerlein".

Der Verlag cbj in München hat die "Fünf Freunde" von Enid Blyton unter den Fittichen. Für Änderungen und neue Bände gebe es strenge Regeln, erläutert Pressesprecherin Renate Grubert. Aus den frühen Werken habe man vor allem die "Schwarze Pädagogik" verbannt. "Ohrfeigen und Prügel sollten Kindern heute fremd sein. Sie sollen wissen, dass sie sich dagegen unbedingt wehren dürfen", sagt sie.

"Das ist eine schwierige Entscheidung"

Karsten Strack, einer von drei Geschäftsführern beim Paderborner Lektora Verlag, kennt die aktuelle Diskussion, auch wenn sein Verlag keine Kinderliteratur verlegt. "Das ist eine schwierige Entscheidung", sagt er. Sie müsse im Einzelfall getroffen werden. Allerdings solle man sich im klaren darüber sein, dass man damit den betreffenden Büchern den Zeitgeist nehme.

Strack hält es für sinnvoll solche Wörter an einer Stelle im Buch zu kommentieren. "Unkommentiert etwas zu streichen halte ich für falsch." Ähnlich sieht es auch Günther Butkus, Verleger des Verleger des Bielefelder Pendragon-Verlags. "Solche Änderungen reißen ein Buch aus dem historischen Kontext." Er kritisiert, dass Autoren damit indirekt eine Gesinnung unterstelle, die sie gar nicht hätten. "Erich Kästner wird zum Beispiel vorgeworfen, er sei frauenfeindlich, weil er wenige weibliche Charaktere in seinen Büchern hatte", so Butkus. Eltern müssten ihren Kindern die entsprechenden Stellen in den Büchern einfach erklären. Das müssten sie bei so vielen Dingen.

Professor Petra Josting, zu deren Lehr- und Forschungsschwerpunkten Literatur- und Mediendidaktik sowie Kinder- und Jugendliteratur im Medienverbund gehören, kann die Debatte nachvollziehen: "Das ist meines Erachtens berechtigt. In Seminaren mit Studierenden in der Uni weise ich auf solche Stellen immer hin und diskutiere sie." Junge Leser sollten die Bücher entsprechend überarbeitet bekommen, also ohne derartige rassistische Begriffe, sagt Josting, die derzeit an der Universität Bielefeld lehrt. "Aus literaturwissenschaftlicher Sicht ist aber natürlich wichtig, mit den Erstausgaben zu arbeiten."

"Es ist eine Gratwanderung"

"Es ist eine Gratwanderung", sagt Stephanie Jentgens, Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur. Wenn die Geschichte dadurch nicht verändert werde, könne man umstrittene Begriffe natürlich streichen. Aber für sie sei es wichtig, die Werke in ihrem historischen Kontext zu betrachten. "Ein Wort wie Schuhwichse zeigt einfach, dass die Geschichte in einer anderen Zeit spielt." Ihr komme es übertrieben vor, wenn da an einzelnen Wörtern gefeilt werde.

"Wörter, über die Kinder stolpern, sind ein guter Anlass, um darüber zu sprechen." Schließlich würden gerade die Klassiker meist vorgelesen. Fußnoten könnten eine Hilfe für Eltern sein, man müsse nicht gleich den Text ändern. "Wir haben in Deutschland die Tendenz, sehr auf politische Korrektheit zu achten." Die Sensibilität sei deutlich größer als etwa in Frankreich.

Information

Das N-Wort

  • In Mark Twains Büchern wurde 2011 das Wort "Nigger" durch "Sklave" ersetzt. Auch die Bezeichnung "injun", das oft mit "Rothaut" ins Deutsche übersetzt wird, wurde ersetzt.
  • Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf" wurde 2009 überarbeitet. Pippis Vater wurde vom "Negerkönig" zum "Südseekönig".
  • Die Farbausgabe von "Tim und Struppi im Kongo", vom belgischen Zeichner Hergé wurde in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien erst 2005 veröffentlicht und hat dort ein Vorwort, das den historischen Kontext erläutert.
  • Die Liste mit angeprangerten Büchern ist lang: Auch "Das kleine Gespenst", "Mary Poppins", "Max und Moritz", die "Hexe Lilli" und " Jim Knopf" werden wegen rassistischer Passagen kritisiert.

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