Timothy Richards (l.) als Hoffmann, Christiane Linke als Antonia. - © FOTO:KAI-UWE SCHULTE-BUNERT
Timothy Richards (l.) als Hoffmann, Christiane Linke als Antonia. | © FOTO:KAI-UWE SCHULTE-BUNERT

Offenbachs fantastische Oper "Hoffmanns Erzählungen" am Bielefelder Theater

Das Drama des begabten Künstlers

VON ANKE GROENEWOLD

Bielefeld. Der Schriftsteller Hoffmann hat geliebt, gelitten und gehofft, kennt den kreativem Rausch und die Krise. Er hat alles gegeben, sein Innerstes in Kunst verwandelt. Am Ende liegt er einsam, ausgebrannt und betäubt vom Alkohol in einer Theaterkantine. Nebenan stößt die schicke Gesellschaft auf sein neues Buch an, das stapelweise auf dem Tisch liegt. Es trägt den Titel "Nur noch einmal". Die Muse, die hier als Hoffmanns Agentin auftritt, verteilt es stolz.

Mit ihrer fein gearbeiteten, zum Nachdenken anregenden Inszenierung von Offenbachs fantastischer Oper "Hoffmanns Erzählungen" erkundet Regisseurin Helen Malkowsky das Drama des begabten Künstlers und reflektiert den Kunstbetrieb. Vor allem der Olympia-Akt gibt zu denken, die erste der drei unglücklichen Liebesgeschichten, die Hoffmann während einer Bühnenpause in der Theaterkantine preisgibt. Der Tenor Timothy Richards elektrisiert als Hoffmann. Zu seiner warm timbrierten, geschmeidig-kraftvollen Stimme kommt eine unbändige Spiellust, mit der der Waliser diesen Charakter zwischen Himmel und Hölle nicht darstellt, sondern mit jedem Ton und jeder Faser seines Körpers auf der Bühne lebt.

Für den Zuschauer wird dieser dreistündige Abend zu einer nervenaufreibenden, im positiven Sinne anstrengenden und berührenden Reise in Hoffmanns Kopf, in dem sich die Grenzen zwischen Realem und Surrealem, Traum und Wirklichkeit, Erlebtem und Imaginiertem auflösen. Bühnentechnisch hat Saskia Wunsch den fließenden Vorgang des schöpferischen Erinnerns raffiniert gelöst. Die vier Welten dieser Oper drehen sich wie ein Karussell. Die Akteure können von einer in die andere schlüpfen, bisweilen sieht der Zuschauer auch zwei Orte und damit zwei Seiten einer Geschichte gleichzeitig.

Im Geist ist alles im Fluss, und in der Fantasie können sich Figuren verwandeln: die Muse in Hoffmanns Freund Niklaus, die Frau aus der Theaterkantine in Giulietta. Zum geschmeidigen Ablauf trägt die Entscheidung bei, den Fluss nicht durch gesprochene Dialoge zu unterbrechen, sondern auf Rezitative zu setzen. Mächtig an der Schraube gedreht hat die Regisseurin in Hoffmanns erster Erzählung. Olympia ist in Malkowkys Lesart eine Frau, die eine Puppe spielt, die eine Frau spielt. Gezwungen wird sie dazu von ihrem Vater Spalanzani (Lianghua Gong), ein Performance-Künstler, der optisch an Jonathan Meese erinnert.

Auf dem Höhepunkt seiner Darbietung steht Olympia hinter einer weiblichen Gipsfigur, einer Nana. Spalanzani schießt mit einem Gewehr, Farbe ergießt sich über die Skulptur. Malkowsky spielt hier auf die "Schießbilder" von Niki de Saint Phalle an. Olympias Qualen und Verletzungen erkennt Hoffmann nicht, weil er nur das Schöne, die Oberfläche sehen will. Eine Szene, über die sich trefflich diskutieren lässt. Das Herz dieser Episode ist Cornelie Isenbürger, die eine bewegende Darstellung der geschundenen Olympia gibt und ihrer virtuosen Arie tragische Tiefe verleiht.

Hoffmanns zweite Erzählung ist hochdramatisch und entfaltet musikalisch eine ungeheure Wucht. Hoffmann besucht Antonia, die er mit Kind sitzengelassen hat. Sie hockt zwischen Umzugskisten und ist dem Wahnsinn nahe, hin- und hergerissen zwischen Kunst und Familie. Das Singen ist ihr Tod, und doch kann sie nicht anders. Fantastisch, zu welcher Intensität sich Christiane Linke mit ihrem gleißenden Sopran aufschwingt.

Der solide Bariton Tuomas Pursio geistert als diabolische Figur durch alle Geschichten, hinterlässt aber als Dr. Mirakel den stärksten Eindruck. Auch Michael Pflumm mit seinem wendigen, silbrigen Tenor überzeugt in vier kleinen Rollen, während Vladimir Miakotine Antonias Vater markante Züge gibt.

Ein atemberaubender Moment ist die berühmte "Barkarole", die zum venezianischen Kapitel mit Giulietta überleitet. Gondeln und Kitsch fallen aus, stattdessen setzt sich die Drehbühne in Bewegung, und alles zieht noch einmal an den Augen vorbei. Die Muse (elegant: Melanie Forgeron) und die Kantinenangestellte (Sarah Kuffner) stimmen die Barkarole an, und während sich das Karussell des Lebens dreht, spinnen die blutbefleckte Olympia, Antonia mit Säugling im Arm und deren Mutter (Sünne Peters) die Barkarole fort, und auch der Chor ist mit von der Partie. Sarah Kuffner glänzt als Giulietta, die Hoffmann um sein Spiegelbild bringt. Dennoch bleibt diese Szene etwas blass.

Dass dieser Abend einen Sog entwickelt, ist nicht zuletzt den Bielefelder Philharmonikern unter der energischen Leitung der neuen Kapellmeisterin Elisa Gogou zu verdanken, die Offenbachs Musik straff und schlank, mit viel Verve und Raffinesse spielen.

Vorstellungen: 4., 9., 18., 25., 30. Dezember. Karten-Telefon: (05 21) 55 54 44.

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