Jazz- und Rockbassist Hellmut Hattler. - © FOTO: STRATMANN
Jazz- und Rockbassist Hellmut Hattler. | © FOTO: STRATMANN

Neuauflage des Jazzduos "Tab Two"

Helmut Hattler im Interview

Sie sind gerade 60 geworden. Zeit zurückzublicken, Bilanz zu ziehen?
HATTLER: Klar, plötzlich fragt man sich, was habe ich eigentlich alles hingekriegt. Ich war die ganze Zeit ein dramatischer Nach-vorne-Gucker, da zählten nur die neuen Horizonte. Das ändert sich im Augenblick. Ich war natürlich versucht, den runden Geburtstag so zu begehen wie die meisten meiner Bekannten: Rollos runter, Uhren abstellen, unters Sofa legen. Aber dann fand ich das Resümieren in Form eines Konzertabends, wo ich mit all meinen Bands gespielt habe, mit "Kraan" und auch mit Joo Kraus, eine bessere Idee. Das war schon ein bisschen Teil der Übung, die Geschichte rund zu kriegen. Mir ist auch aufgegangen, dass ich Mitglied der ersten Generation weltweit überhaupt bin, die ohne Krieg und ohne Hunger aufgewachsen ist, in einer wirtschaftlichen und politischen Umgebung, die Selbstverwirklichung zulässt. Seit meinem 19. Lebensjahr bin ich Musikprofi und mache genau das, was ich will. Wie geil ist das denn eigentlich? Ich finde, das kann man bei einem runden Geburtstag ruhig mal an die große Glocke hängen, auch wenn es vordergründig wenig spektakulär ist.

Ihre musikalische Vergangenheit lässt Sie nicht los. Ist da auch Nostalgie im Spiel?
HATTLER: Nein, die ersten Kraan-Platten zum Beispiel gibt es seit 40 Jahren ununterbrochen zu kaufen, und das sind nicht immer die gleichen Leute, sondern auch junge Menschen, die das für sich neu entdecken. Die musikalische Verpackung ist vielleicht hier und da von der Zeit überholt worden, aber die Kompositionen und die Art, wie wir miteinander spielen, waren und sind authentisch. Das bewegt und begeistert die Leute immer noch. Was gibt es Besseres?

Sie haben damals vor dem Abitur die Schule geschmissen, um mit "Kraan" auf Gut Wintrup bei Vinsebeck im Kreis Höxter Musik zu machen. Das hat deutsche Pop-Musikgeschichte geschrieben. Haben Sie immer noch gute Erinnerungen daran?
HATTLER: Das war die wichtigste Zeit meines Lebens, da habe ich die entscheidenden Erfahrungen gemacht, was soziale Konflikte und Bindungen betrifft. Wir haben da zu 15 gewohnt. Das war nicht immer einfach.

Näher als damals, Anfang der 70er Jahre, ist Ostwestfalen dem Spirit der Hippie-Generation wohl nie gekommen.
HATTLER: Wir haben da aber einfach unser Ding gemacht, wir wollten keinen neuen Lifestyle einführen. Wintrup hatte bei den Jüngeren eine gewisse Magnetwirkung, das stimmt. Es waren ständig Leute aus der näheren und weiteren Umgebung da. Die Älteren im Dorf dachten, da herrscht Sodom und Gomorrha. Das änderte sich aber, als das Fernsehen ein paar Mal über uns berichtet hatte.

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