David Garrett mit neuem Klassik-Recital in Bielefeld

Geiger überzeugt in der Stadthalle

VON CHRISTOPH GUDDORF
Stargeiger David Garrett - mit geschlossenen Augen spielend - und der Pianist Julien Quentin ticken wie ein einheitliches musikalisches Uhrwerk. - © FOTO: SARAH JONEK
Stargeiger David Garrett - mit geschlossenen Augen spielend - und der Pianist Julien Quentin ticken wie ein einheitliches musikalisches Uhrwerk. | © FOTO: SARAH JONEK
David Garrett mit neuem Klassik-Recital - © KULTUR
David Garrett mit neuem Klassik-Recital | © KULTUR

Bielefeld. Wunder gibt es immer wieder - diese Textzeile eines bekannten Schlagers mag dem einen oder anderen "E-Musik"-geschulten Ohr in den Sinn gekommen sein, das David Garretts neuem Recital in der ausverkauften Bielefelder Stadthalle gelauscht hat. Neu war auch das Gesicht des Pianisten an seiner Seite: Julien Quentin.

Wunder deshalb, weil Garrett sich mit Sonaten von Brahms, Mozart und Beethoven zwar auf vertrautem Terrain bewegt, jedoch erfreulich gefestigter als im Jahr 2008. Seine musikalischen Wurzeln scheinen wieder mit ausreichend Nährstoffen versorgt.
Das zeigt sich bereits bei Brahms’ dritter Violinsonate d-Moll op. 108, die - eingeleitet mit dem populären Ungarischen Tanz g-Moll des Komponisten - klingt wie das Bekenntnis eines geläuterten Klassik-Interpreten. Diese Sonate war es übrigens, die Garrett nach dreijähriger Konzert-Abstinenz (während seines Studiums an der New Yorker Juilliard School) als erstes aufführte - es war sein "Start ins Berufsleben und das Ende der Studentenpartys", wie er wehmütig zugibt.

Information

2011 wieder in der Region

Wer David Garrett in Bielefeld verpasst hat, der hat die Chance, den Stargeiger am 28. Juni um 19 Uhr im Gerry-Weber-Stadion in Halle live zu erleben. Auf seiner Crossover-Tour 2011 wird Garrett eine Mischung aus Rock, Pop und Klassik zusammen mit seiner Band und einem großen Orchester präsentieren.
     

So klingt es beinahe wie eine Reminiszenz an vergangene Zeiten, aber auch an den Ungarischen Tanz, wenn (vor allem im vierten Satz) feuriges Temperament auflodert. Ein Temperament, das auch für Ravels "Tzigane" (französisch für "Zigeuner") Pate stand. Bereits im vorangestellten Violin-Monolog nimmt Garrett das vorweg, was diese Konzertrhapsodie ausmacht: einen leidenschaftlichen Dialog zwischen impressionistischer "Verklärtheit" und folkloristisch-modernistischem Einschlag, in dem Ravel "das Ungarn meiner Träume auferstehen" lassen wollte.

Jeder Ton perlt

Wie die "Tzigane" besticht auch Beethovens "Frühlingssonate" (Opus 24) durch eine Detailverliebtheit, die beiden Musikern einverleibt scheint. Ein Beethoven mit Ecken und Kanten (vor allem im finalen Rondo), der Profil aufweist, ein Profil, das Garrett bisher eher vermissen ließ.

Diese Verspieltheit bekommt dem Adagio allerdings weniger gut, ihm hätte mehr Schlichtheit und Großformatigkeit besser zu Gesicht gestanden. Zur Überraschung des Abends avanciert jedoch Mozarts zweisätzige G-Dur-Sonate KV 301, die sowohl binnendifferenziert als auch im Miteinander von Garrett und Quentin die von Spielfreude und Mozartscher Leichtigkeit sprüht.

Hier perlt jeder Ton, jedes Motiv gerät zu einem mal zart schimmernden, mal entschieden hervortretenden Mosaikstein, ohne den Gesamteindruck übertrumpfen zu wollen. So wie beide Parts verschmelzen, so verhält es sich auch bei Garrett und Quentin, die - permanent in Blickkontakt stehend - ein Rädchen ins andere greifen lassen und als einheitliches musikalisches Uhrwerk ticken.
Das schlägt sich auch auf die Zugaben nieder, unter anderem bei Kreislers "Liebesleid" und Paganinis "Karneval in Venedig" (besser bekannt als Melodie von "Mein Hut, der hat drei Ecken").
Schlussendlich stehende Ovationen und die Erkenntnis: Auch mit Ecken und Kanten kann es ausgesprochen rund laufen. Mehr davon, David!

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