"Manchmal ist weniger mehr"

Bielefelder Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreis wurde verliehen

VON ANKE GROENEWOLD
Elfi Mikesch und Werner Schroeter mit den Bronzefiguren der Bildhauerin Nina Koch. - © OTO: BARBARA FRANKE
Elfi Mikesch und Werner Schroeter mit den Bronzefiguren der Bildhauerin Nina Koch. | © OTO: BARBARA FRANKE

Bielefeld. "Mut ist Alles. . . " schrieb Regisseur Werner Schroeter gestern ins Goldene Buch der Stadt Bielefeld und malte dazu eine Figur, die ihre Arme und die lange Nase über eine Mauer hängen lässt. Unter seinem Namen steht dann noch ein "Nicht". Oder sollte es "Licht" sein?

Der 64-jährige Filmemacher Werner Schroeter und die 69-jährige Kamerafrau Elfi Mikesch erhielten in der Oetkerhalle den mit 10.000 Euro dotierten Bielefelder Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreis.

"Ich freue mich sehr über den Preis und noch mehr, dass ich ihn
zusammen mit Elfi Mikesch bekomme, da uns 40 Jahre Freundschaft und über 20 Jahre gemeinsames Arbeiten verbinden", sagte Schroeter, lässig in Jeans und mit obligatorischem schwarzen Hut. Er skizzierte seine "Begegnung" mit Murnau durch die Filmhistorikerin Lotte Eisner. Der in Bielefeld geborene Stummfilmregisseur sei in Eisners Buch "Die dämonische Leinwand" eine ganz wesentliche Größe, so Schroeter.

Information

"Wir sind eine Filmstadt"

"Bielefeld entdeckt Hollywood. Am Umkehrschluss arbeiten wir noch."
"Wir sind unserem fehlenden Selbstbewusstsein wieder ein Stück näher  gekommen."
Pit Clausen, Oberbürgermeister

"Wir verleihen einen Filmpreis, weil wir eine Filmstadt sind."
Jost Streitbörger, Vorsitzender der Gesellschaft zur Verleihung des Bielefelder Friedrich Wilhelm Murnau Filmpreises, erinnert an Murnau und Joseph Massolle, den Erfinder des Tonfilms, der ebenfalls in Bielefeld geboren wurde.

"Wenn sich ein Fotograf mit den größten Apparaten behängt, ist das im Gefährdungsfall ein Mangel an Talent."
Werner Schroeter, Regisseur  und Preisträger

"Nun hat die Beschäftigung mit Kunst ja auch beim Betrachter oder Hörer mit Liebe zu tun. Trotzdem scheint mir das Liebhabertum in der marktwirtschaftlichen Ausrichtung des Kunstbetriebs keine Lobby zu haben."
Daniel Kothenschulte, Laudator und
Jury-Mitglied

Mit Polaroid-, Wegwerfkamera oder der Minox

Als er selbst "kleiner Underground" gewesen sei und für seinen 7.000-Mark teuren Film "Eika Katappa" den Josef-von-Sternberg-Preis bekommen habe, "war Lotte Eisner eine der ersten Personen, die meine Arbeit faszinierend fand und in kleinerem Format ein Fan von mir wurde - das hat mir sehr zu denken gegeben", sagte Schroeter.

Mit Hinblick auf den Stummfilm betonte der Regisseur, der als Fünfjähriger mit seiner Familie nach Bielefeld kam und acht Jahre blieb: "Manchmal ist weniger mehr, und mehr ist weniger." Als Fotograf arbeite er zum Beispiel nur mit Polaroid-, Wegwerfkamera oder der Minox. "Mit wenig kann man sich sehr schön äußern als Künstler, wenn man Leidenschaft und Dringlichkeit verspürt. Das hatte Murnau, und das haben Elfi und ich auch", so Schroeter. Auch Elfi Mikesch gab ihrer Freude Ausdruck, sich den Preis mit Schroeter zu teilen. "Ihm verdanke ich sehr viel: Zusammenarbeit, Freundschaft und das Bild."

"Wenn ich Ihr reiches filmisches Werk Revue passieren lassen", so Jury-Mitglied Daniel Kothenschulte in seiner Laudatio, "dann entdecke ich darin nichts, das nicht aus Liebe entstanden wäre - aus Liebe zum Menschen, aus Liebe zur Kunst."  Schroeter erscheine ihm wie ein "letzter, ungebrochener Avantgardist", ein Künstler, "der erschüttert ist an der Welt, die ihn umgibt - und diese Trauer geben Sie der Welt in Ihrer Arbeit zurück."

Einheit von Wahrheit und Traum, Fiktion und Wirklichkeit

Elfi Mikesch strahle mit ihrer bahnbrechenden Arbeit als Kamerafrau weit über ihren eigenen Horizont hinaus. Für Rosa von Praunheim, Monika Treut oder eben Werner Schroeter habe sie Bilder geschaffen, "die Wahrheit und Traum, Fiktion und Wirklichkeit zu einer Einheit weben - und dabei vor allem das Menschliche verstehen lehren", so Kothenschulte.

Für beide Preisträger sei "das komplette Bild" Maßstab. "In ihren gemeinsamen Arbeiten, aber auch unabhängig voneinander arbeiten sie an einem zutiefst visuellen Kino, das die sichtbare Wirklichkeit stets um ihre unsichtbare Komponente ergänzt, die Wirklichkeit von Sehnsucht und Gefühl."

Die 1988 erstmals vergebene, zuletzt aber 2001 an Werner Herzog verliehene Auszeichnung hatte Jurypräsident Horst Annecke wiederbelebt, der in seiner Ansprache Leben und Wirken Murnaus würdigte. Annecke ist Anwalt in der Kanzlei Streitbörger Speckmann, die das Preisgeld gestiftet hat.

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