Sir Percy (Veit Schäfermeier, l.) gibt vor, sich närrisch darauf zu freuen, dass Pimpernel gleich auftaucht. Chauvelin (Alexander Franzen) ist schwer irrtitiert und kommt gar nicht auf die Idee, dass er Pimpernel bereits vor sich hat. - © FOTO: MATTHIAS STUTTE
Sir Percy (Veit Schäfermeier, l.) gibt vor, sich närrisch darauf zu freuen, dass Pimpernel gleich auftaucht. Chauvelin (Alexander Franzen) ist schwer irrtitiert und kommt gar nicht auf die Idee, dass er Pimpernel bereits vor sich hat. | © FOTO: MATTHIAS STUTTE

BIELEFELD Premiere für Musical "The Scarlet Pimpernel" am Bielefelder Theater

Ein mitreißender Abend

VON ANKE GROENEWOLD

Bielefeld. Hier stimmt einfach alles: Das Musical "The Scarlet Pimpernel" am Bielefelder Theater ist rasant und spannend, witzig und emotional ergreifend. Mit bestechender Leichtigkeit wechseln Komik und tödlicher Ernst. Die Optik ist opulent, dabei aber luftig. Das ganze Ensemble glänzt, und die Philharmoniker trumpfen mit Biss und unbändiger Spielfreude auf – ein mitreißender Abend.

Das Musical des "Jekyll&Hyde"-Komponisten Frank Wildhorn au dem Jahr 1997 erzählt eine Dreiecksgeschichte vor dem Hintergrund der Französischen Revolution: Der englische Adelige Sir Percy hat ein kleines, erfolgreiches Untergrundkommando gründet, das in Paris Menschen vor der Guillotine rettet. Sein blumiges Siegel verhilft ihm zu dem Spitznamen "Scarlet Pimpernel".

Schon in der Hochzeitsnacht fällt ein Schatten auf seine Liebe zu der französischen Schauspielerin Marguerite. Ist sie eine Verräterin? Percy kann ihr nicht mehr trauen, verhält sich abweisend. Sie erkennt ihren Liebsten nicht wieder und ist verzweifelt. Zumal sie sich aus Furcht, alles zu verlieren, selbst in eine prekäre Lage gebracht hat: Vor ihrem Mann will sie verbergen, dass sie einst die Geliebte des Bürgers Chauvelin war. Der wiederum nutzt Marguerites Furcht aus, um sie zu erpressen. Nicht zuletzt hofft er, die Geliebte zurückzugewinnen.
Dass diese reizvolle Mischung aus Lügen und Liebe, Misstrauen, Angst, Sprachlosigkeit und Eifersucht große Wucht bekommt, ist zum einen Roland Hüve und seiner sensiblen Regie zu verdanken. Er setzt auf Tempo, reizt das Dramatische wie die Situationskomik lustvoll, aber nie klamottig aus.

Doch er streut auch Sand ins Getriebe der munter schnurrenden Musical-Maschine. Es sind stets magische Gänsehaut-Momente, wenn eine Figur auf leerer Bühne steht und ihr inneres Drama entfaltet. Dass die Spannungskurve hier meist noch steigt, ist den drei exzellenten Hauptdarstellern zu verdanken, die mit großer Leidenschaft Charaktere formen, die vielschichtiger sind, als man das vom Musical erwartet.

Veit Schäfermeier wieder einmal hinreißend

Veit Schäfermeier muss als Pimpernel wie schon bei "Jekyll & Hyde" einen Mann mit mehreren Gesichtern spielen, und das gelingt ihm – wieder einmal – hinreißend. Sein Pimpernel ist ein furchtloser Mann der Tat, der tollkühne Held, der tapfer sein gebrochenes Herz zu verbergen sucht. Als quirliger Meister der Maskerade trickst er seine Gegner aus. In England spielt er den "Vollidioten", einen affektierten, dekadenten Dandy, der nichts als Mode im Kopf hat. Die Tarnung wirkt: Selbst sein schlauer Erzfeind Chauvelin, Percy nennt ihn frech Chauvi-läng – kommt nicht auf die Idee, dass dieser tuntige Schnösel der Pimpernel sein könnte. Mit seiner geschmeidigen, warm timbrierten, gleichwohl strahlkräftigen Stimme lässt Schäfermeier immer neue Facetten dieser Figur aufblitzen.

Pimpernel hat einen ebenbürtigen Gegner, denn der charismatische Alexander Franzen gibt einen gleichermaßen abstoßenden wie anziehenden Chauvelin: Er ist grausam und besessen, aber das Diabolische hat auch eine Mitleid erregende, menschliche Seite: Chauvelin ist ein verletzter, verzweifelter Liebender und Getriebener. Und Franzen singt ihn auch so: intensiv, kraftvoll und überragend expressiv.

Das brillante Trio komplettiert Karin Seyfried als Marguerite – eine fechtende Powerfrau, die zum Opfer ihrer eigenen Angst wird. Seyfried lotet diese Figur zwischen Weichheit und Stärke aus und trifft auch stimmlich stets die richtigen Schattierungen.

Christof Cremer (Bühne und Kostüme) sorgt für den sinnlichen Augenschmaus. Jede der kurzen Szenen wirkt aufgeräumt und aufs Nötigste reduziert, dabei aber trotzdem opulent. Gemalte Prospekte, oft wunderschön farbsatt und kitschig, verwandeln den Raum in perfekter Abstimmung mit dem Licht blitzschnell. Die edlen Kostüme sind ein Traum. Für die, die Pimpernel und seine Bande tragen, um ihren Ruf als durchgeknallte Dandys zu festigen, gibt es sogar spontanen Applaus: eine Orgie aus Rüschen, grotesk viel Pelz, Hüte mit Segelschiffchen und Pfauenfedern.

Kein Halten mehr

Wenn Choreograf Jochen Schmidtke diese schrägen Vögel auch noch tanzen lässt und Barock mit Disko mischt, gibt es im Theater kein Halten mehr. Einen packenden Action-Akzent hat der Fight Director Schmidtke mit dem Showdown gesetzt, in dem alle drei Hauptfiguren gekonnt den Degen schwingen.

Die Bielefelder Philharmoniker unter Leitung von William Ward Murta machen den Abend perfekt: Mit Drive, großer Dichte und Dringlichkeit spielt das Orchester die suggestiv-eingängige Musik Wildhorns. Sie ist ganz große Geste, und so klingt sie in Bielefeld auch. Mitreißend.

Weitere Termine: 11., 20., 24., 28. März, 12., 14., 22. April.

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