Peter Schneider war 1968 mittendrin in der Studentenbewegung. 1973 kam es zum Bruch. Doch Schneider sagt heute: "Es war richtig, zu rebellieren." - © FOTO: ANDREAS FRÜCHT
Peter Schneider war 1968 mittendrin in der Studentenbewegung. 1973 kam es zum Bruch. Doch Schneider sagt heute: "Es war richtig, zu rebellieren." | © FOTO: ANDREAS FRÜCHT

"Erzähl uns nicht solchen Blödsinn!"

INTERVIEW: Peter Schneider über die Revolte von 1968

Bielefeld. Peter Schneider war einer der führenden Aktivisten der 68er Bewegung. In Berlin war er als Student mittendrin in den Auseinandersetzungen. In seinem Buch "Rebellion und Wahn" setzt sich der 69-Jährige kritisch mit seiner eigenen Vergangenheit auseinander. Stefan Brams sprach mit dem Autor.

Herr Schneider, der Polizist Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 Benno Ohnesorg erschossen hat, ist erst jetzt als Stasi-Spitzel enttarnt worden. Muss die Geschichte der 68er-Bewegung neu geschrieben werden?
PETER SCHNEIDER: Nein, aber es wäre eine ganze Menge anders gelaufen, wenn wir das damals gewusst hätten. Wir hätten uns auf der Fahrt von Berlin zur Trauerfeier von Benno Ohnesorg nach Hannover sicherlich nicht von den DDR-Behörden durchwinken lassen, sondern die Autobahn blockiert. Auch gegen die 4.000 salutierenden FDJ-ler hätte sich mit Sicherheit Protest erhoben. Und viele kluge junge Leute, hätten nicht ihre besten Jahre in der DKP vertrödelt, wenn sie um die Rolle der Stasi gewusst hätten.

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Peter Schneider

Peter Schneider, am 21. April 1940 in Lübeck geboren, war neben Rudi Dutschke und anderen, einer der Wortführer der Studentenbewegung. 1973 schrieb er seine Erzählung "Lenz", die vom Scheitern der Revolte handelt. In seinem Buch "Rebellion und Wahn", das 2008 erschien, setzt sich der Autor in einer sehr persönlichen kritischen Bilanz mit 1968 auseinander.


Heißt das auch, die 68er Revolte wäre anders verlaufen?
SCHNEIDER: Das eben nicht. Ich war am 2. Juni 1967 dabei. Und an diesem Tag haben wir, auch ohne die Schüsse auf Ohnesorg, einen erschreckenden Ausbruch von Brutalität und Gewalt durch die Polizei erlebt. Daher die Radikalisierung des Protests. Allerdings wäre er weniger einseitig gewesen, hätten wir um die Stasi-Hintergründe gewusst. Viele von uns hätten ihre Schonhaltung gegenüber der DDR aufgegeben und in diese Richtung protestiert. Aber die Studentenbewegung hätte es dennoch gegeben. Man muss daran erinnern: wir waren Teil einer weltweiten Protestbewegung.

War die Einflussnahme der Stasi auf die Studentenbewegung damals ein Thema?
SCHNEIDER: Durchaus. Ich hatte ja selber Kontakt zu einem IM namens Kittelmann, der uns ein sensationelles Dossier über die Nazi-Verstrickungen von Springer-Journalisten und Springer selber ankündigte. Was wir dann bekamen, war eine Sammlung von Intima über Axel Springer und seine Frauengeschichten. Da wir es nicht machen wollten wie die Bild-Zeitung, haben wir es in den Papierkorb geschmissen. Und es wird noch mehr solche und andere Aktivitäten der Stasi gegeben haben. Doch die Unterstellung, die Studentenbewegung sei entscheidend von der DDR beeinflusst oder gar gesteuert gewesen, halte ich für lächerlich. Sollen etwa auch die Studenten in Frankreich, Italien, USA von der Stasi gesteuert worden sein? Das ist absurd.

Wie haben Sie 1968 für sich ganz persönlich erlebt?
SCHNEIDER: Da gab es eine tolle, eine befreiende Phase vor allem in den Jahren 1966 und 1967. Die kreative Provokation, der Spaß an der Regelübertretung stand im Vordergrund. Mit dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 war es mit dem Spaß vorbei. Es setzte die Aufsplitterung in Parteien ein. Einerseits die DKP und SEW, anderseits die maoistischen Gruppierungen. Was als Befreiung von autoritären Zwängen begonnen hatte, wurde eine Zwangsveranstaltung.

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