Peter Schneider war 1968 mittendrin in der Studentenbewegung. 1973 kam es zum Bruch. Doch Schneider sagt heute: "Es war richtig, zu rebellieren." - © FOTO: ANDREAS FRÜCHT
Peter Schneider war 1968 mittendrin in der Studentenbewegung. 1973 kam es zum Bruch. Doch Schneider sagt heute: "Es war richtig, zu rebellieren." | © FOTO: ANDREAS FRÜCHT

"Erzähl uns nicht solchen Blödsinn!"

INTERVIEW: Peter Schneider über die Revolte von 1968

Gab’s bei Ihnen einen Punkt, an dem Sie sagten, das ist nicht mehr meine Bewegung?
SCHNEIDER: Ja, aber ich habe lange gebraucht. Erst als ich 1970 bei Bosch in der Produktion arbeitete, begriff ich, dass wir uns verirrt hatten. Ich war in einer Frauenabteilung. Die mochten mich zwar ganz gerne, aber wenn ich über die Ausbeutung und den Kapitalismus schwadronierte, dann sagten sie: "Du bist doch ein netter Junge, aber erzähl uns nicht solchen Blödsinn." Eigentlich haben die Bosch-Frauen mir den Kopf zurecht gerückt. Meine eigene Befreiung bewirkte dann meine Erzählung "Lenz", die ich 1973 veröffentlichte. Prompt wurde ich im eigenen Lager als Verräter und Renegat beschimpft.

In Ihrem Buch schreiben Sie "Man kann der Gesellschaft und uns nur dazu gratulieren, dass wir nie eine reale Chance hatten, die Macht zu ergreifen." Warum darf ich dazu gratulieren?
SCHNEIDER: Wir wären in dieser späteren, in dieser verirrten Phase schrecklich gewesen. Wir waren undemokratisch geworden. Und wir hatten diese Phantasien: Wenn der oder der an die Macht kommt, wird der und der an die Wand gestellt. Und dennoch sage ich: Es war richtig, dass wir rebelliert haben, denn die Demokratie, die wir vorfanden, war unglaubwürdig. Zu viele ehemalige Nazis saßen an den Hebeln. Es war unvermeidlich, dass es zum Zusammenstoß einer rebellischen Jugend mit dem von der Nazizeit geprägten Personal gekommen ist.

Was bleibt denn von 1968?
SCHNEIDER: Die deutsche Kultur des Gehorsams ist damals massenhaft und ein- für allemal gebrochen worden. Dass es heute so etwas gibt, wie offen bekennende Schwulen und Lesben in der CDU, das sind auch Folgeprozesse der großen Provokation und Lockerung, die damals stattgefunden hat.

Herr Döpfner, Chef des Springer Verlags, hat gefordert, die "uneinsichtigen Protagonisten" der 68er sollten sich beim Springer-Konzern entschuldigen. Sie haben 1967 das Springer-Tribunal organisiert. Sind Sie seiner Aufforderung schon nachgekommen?
SCHNEIDER: Die damalige "Berichterstattung" in Bild, BZ und Morgenpost bleibt ein Schandfleck in der Geschichte der Nachkriegspublizistik. Von diesem Urteil weiche ich keinen Millimeter ab. Da kann Herr Döpfner nicht 42 Jahre später kommen und sagen, wir sind ganz zu Unrecht angeklagt worden. Die Springer-Leute haben doch die Wahrheit auf den Kopf gestellt. Sie haben uns sogar die Schuld am Tod von Benno Ohnesorg in die Schuhe geschoben – und jetzt sollen wir uns entschuldigen? Viele von uns 68ern haben inzwischen selbstkritische Blicke auf diese Zeit geworfen, Herr Döpfner und die Seinen haben dies öffentlich nie getan.

Was bereuen Sie in der Rückschau?
SCHNEIDER: Für kurze Zeit bin auch ich damals dem Maoismus auf den Leim gegangen und habe in dieser Zeit ein paar hirnverbrannte Statements abgegeben. Zwar habe ich nie mit der RAF sympathisiert, aber einige Sätze konnten durchaus als Aufrufe zur Gewalt missverstanden werden. Da war ich selber in einem ideologischen Strudel gefangen – und ich bin alles andere als stolz darauf, dass mir so etwas passieren konnte.
     

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