Paul Klees "Segelschiff, den Sturm abwartend". - © FOTOS: GUSTAV-LÜBCKE-MUSEUM
Paul Klees "Segelschiff, den Sturm abwartend". | © FOTOS: GUSTAV-LÜBCKE-MUSEUM

Malerfreunde im Dialog

Das Gustav-Lübcke-Museum stellt Paul Klee und Lyonel Feininger gegenüber

VON MANFRED STRECKER

Hamm. Die Erschütterung war glaubhaft, konventionelle Formeln findet man in dem Kondolenzbrief keine. "An Paul Klee, den Menschen, den zarten, stillen, gütigen – kann ich heute nur mit Tränen denken", das schrieb Lyonel Feininger im August 1940 an die Ehefrau des Künstlerkollegen, als er von dessen Tod gehört hatte.

"Tausend Erinnerungen an vergangene schöne Zeiten, die wir gemeinsam in stiller Freundschaft und gemeinsamer Arbeit verlebten", verbanden Feininger mit "diesem wahrhaft einmaligen, seherhaften und unerschöpflichen Geist, diesem kindlich-gütigen Weisen unter allen heutigen Künstlern".

Freundschaft prägte die Beziehungen zwischen Paul Klee (1879-1940) und Lyonel Feininger (1871-1956) beiderseits, obwohl es keine schriftlichen Zeugnisse Klees gibt; seine Ehefrau Lily hat es in ihren Erinnerungen unterstrichen, die den Kollegen ihres Mannes als reizenden Menschen, gütig liebenswürdig und interessant empfand. Mehr als zehn Jahre waren beide am epochemachenden Bauhaus tätig gewesen. Nach dem Umzug der Schule von Weimar nach Dessau wohnten sie benachbart in den von Bauhaus-Gründer Walter Gropius gebauten Meisterhäusern. Beide gehörten der 1924 gegründeten Ausstellungs-Gruppe "Die Blaue Vier" an.

Information
Infos zur Ausstellung
     
Die Ausstellung "Lyonel Feininger – Paul Klee. Malerfreunde am Bauhaus" ist bis zum 24. Mai im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm, Neue Bahnhofsstraße 9, zu sehen.

Das Museum ist dienstags bis sonntags von 11-18, sonntags bereits ab 10 Uhr geöffnet (1. Mai geschlossen, Christi Himmelfahrt, 21. Mai, geöffnet). Katalog 19.90 Euro. Das Gustav-Lübcke-Museum hat aus dem Themenfeld des Bauhauses die Ausstellung "Das Bauhaus und die Esoterik" (2005), über Paul Klee die Ausstellung "Paul Klee – Reisen in den Süden" (1997) gezeigt.

Bilder als gegenseitige Geschenke

Gibt es über Respekt hinaus gegenseitige künstlerische Beeinflussungen? Eine Ausstellung mit rund 90 ausgewählten Werken, Blättern und Objekten der beiden Malerfreunde im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm geht dieser Frage nach – seit 1932 die erste Schau, die die Kunst Klees, des bedeutenderen, und Feiningers, des populäreren, gegenüberstellt.

Beim Rundgang werden schnell Resonanzen eines "bildnerischen Dialogs" bis in die Rhythmik mancher Bilder hinein bemerkbar, doch bleiben beide Künstler unverwechselbar ihrer eigensinnigen Entwicklung treu.

Die Ausstellung setzt mit getauschten Bildern ein, eine Praxis gegenseitiger Geschenke, mit denen die Künstler ihre Hochachtung zum Ausdruck brachten. Vor allem dienen als Belegstücke des Künstlerdialogs Sujets der beiden, die den Hauptmotiven Feiningers – Seeansichten, Architekturen und Stadtprospekten – entsprechen.

Lyonel Feiningers Bild "Marine". - © FOTO: GUSTAV-LÜBCKE-MUSEUM
Lyonel Feiningers Bild "Marine". | © FOTO: GUSTAV-LÜBCKE-MUSEUM

Wertschätzung der Kinderzeichnung

Feininger, in den USA geboren, ursprünglich Karikaturist und Illustrator, bleibt dem welthaften Aufbau seiner Kompositionen verpflichtet – der prismatisch aufgefächerten Vielansichtigkeit von Schiffen, Kirchtürmen, Fachwerkhäusern der von ihm geliebten thüringischen Städte, seiner Beschäftigung mit dem Kubismus entstammend. Mehr und mehr überlässt er den Aufbau der Bilder lichtvoll transparenter Farbflächen, und so verwandelt sich die Welt entmaterialisiert in die Erscheinung des Numinosen – was von Klee, wie Bildvergleiche nahelegen, inspiriert sein könnte.

Beide Künstler teilten eine Wertschätzung der Kinderzeichnung, wovon in der Ausstellung einige ungewohnte Blätter Feiningers mit handschriftlichem Duktus zeugen. Klee dagegen bleibt in vielen seiner weiterreichenden bildnerischen Untersuchungen dieser spielerischen Suche nach Urformen verpflichtet, wobei sich das Bild mit Symbolischem, mit Seelengehalt und innerer Bedeutung anreichert. Auf eine humoristische Note will er außerdem oft nicht verzichten.

Von Feininger zeigt die Ausstellung in Hamm auch zwei Vitrinen mit Spielzeugen, meist grob aus dem Holz geschnittene und farbig gefasste Häuser oder Eisenbahnen. Die Ausstellungsmacher verschweigen nicht, dass sie einige beweisträchtige Bilder nicht als Leihgaben erhalten haben. Das schmälert den Reiz dieser empfehlenswerten Schau keineswegs.

Copyright © Neue Westfälische 2017
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group