Mehr als 1.400 Komponenten: „The Rise of Queensdale" ist das aufwendigste Spiel, das Ravensburger je produziert hat. - © Ravensburger AG; für redaktionelle Zwecke honorarfrei
Mehr als 1.400 Komponenten: „The Rise of Queensdale" ist das aufwendigste Spiel, das Ravensburger je produziert hat. | © Ravensburger AG; für redaktionelle Zwecke honorarfrei

Kultur Spiele wie TV-Serien

Trend: Moderne Brettspiele ähneln immer mehr TV-Serien. Die Story entwickelt sich bei jeder Partie weiter. Das verleitet dazu, ständig am Ball zu bleiben. Wenn es sein muss, 24 Stunden lang

Stefan Ducksch

Bielefeld. In der ersten Staffel von „Pandemic Legacy" hatten Wissenschaftler und Mediziner gerade noch den Ausbruch einer Pandemie verhindert. Doch in „Season 2" gehen der Welt jetzt die Versorgungsgüter aus. Wird es das Team wieder schaffen? Was sich anhört wie der Plot einer TV-Serie, ist tatsächlich ein neu entstandenes Genre Brettspiele. Bei Legacy-Spielen entwickelt sich die Story in jeder Partie weiter, man fängt ein Spiel nie wieder ganz von vorne an. „Das Erzählerische steht im Vordergrund. Die Charaktere wachsen den Spielern ans Herz", sagt Asmodee-Pressesprecher Robin de Cleur. Seine Firma vertreibt „Pandemic Legacy" sehr erfolgreich in Deutschland. Am Anfang jeder Folge steht ein neues Szenario, zum Beispiel der Bau von Versorgungszentren rund um den Atlantik. Die Spielrunde stellt dafür aus dem Personal individuell ihr Team zusammen: Einer ist der Logistiker, der nächste der Funker, alle spielen gemeinsam. Werden sie die Aufgabe schaffen? Jede Entscheidung hat Einfluss auf den weiteren Verlauf der Story. „Die Legacy-Idee zeigt auch, wie erwachsen Spiele sein können", sagt de Cleur. Denn die Spieler müssen sich immer wieder auf Neues einstellen: Ereignisse kommen ins Spiel, neue Regeln, neues Material. Sogar der Spielplan verändert sich, wird beklebt, Gebiete werden gesperrt, neue werden frei. Ersonnen hat das Prinzip der US-Amerikaner Rob Daviau. Die zweite Staffel von „Pandemic Legacy" erhielt soeben den Sonderpreis der Jury „Spiel des Jahres". "Wir haben an einem Tag durchgespielt" TV-Serien werden häufig auf recht eigene Art konsumiert: Echte Fans ziehen sich gerne mit einer kompletten Staffel am Wochenende aufs Sofa zurück, um alles in einem Rutsch zu gucken. Bei Legacy-Spielen ist es ähnlich. Gut 15 Partien braucht man bis zum letzten Kapitel. Es entsteht ein regelrechter Sog, weil man wissen will, wie es weiter geht. „Wir haben das tatsächlich an einem Tag binnen 24 Stunden durchgespielt", erinnert sich Frank Heeren vom Feuerland-Verlag lachend an seine erste Begegnung mit „Charterstone". Bei diesem Legacy-Spiel geht es darum, ein Dorf im Wettbewerb mit den Mitspielern aufzubauen. „Das Spielfeld und die Rollen ändern sich, das ist sehr reizvoll", sagt Heeren. Als alten Computerspieler fasziniert ihn daran noch etwas anderes: „Ich öffne in Spielen gerne Kisten, die ich finde." Bei „Charterstone" finden sich in den Kisten Baupläne für neue Gebäude oder Werkzeuge für effektiveres Arbeiten. Ist eine Kampagne komplett durchgespielt, dann ist das anfangs leere Spielfeld fertig entwickelt und ein Unikat: Beklebt mit Gebäudestickern und individuell mit Namen versehen. Nun könnte man darauf normal weiterspielen, ohne dass sich noch etwas ändert. »Wir haben den Aufwand gewaltig unterschätzt« Feuerland verkauft für „Charterstone" aber auch ein „Recharge Pack": Mit dem kann man auf der Spielplanrückseite noch einmal neu starten und vielleicht einen anderen Verlauf erleben. Die Entwicklung eines Legacy-Spiels braucht deutlich länger als die einer TV-Serien-Staffel. Gut drei Jahre Arbeit stecken allein in „The Rise of Queensdale", das Ravensburger gerade veröffentlicht hat. Dafür engagierte der Verlag mit dem Gummersbacher Ehepaar Markus und Inka Brand zwei der aktuell erfolgreichsten deutschen Autoren. „Wir haben uns von Beginn an sehr auf das Projekt gefreut – aber den Aufwand gewaltig unterschätzt", sagt Inka Brand. „Wir mussten wirklich alles, was in der Geschichte geschehen kann, mit allen möglichen Auswirkungen im Blick behalten." Bei „The Rise of Queensdale" bauen die Spieler Partie um Partie jeweils einen eigenen Stadtteil des mittelalterlichen Ortes auf. Doch die Story birgt Überraschungen: Mal bricht die Pest aus, mal ein Waldbrand, dann gibt es wieder einen Bauernaufstand. Die teuren Spiele werden international vermarktet Das Ungewöhnliche ist, dass dies alles eben nicht bei jeder Spielgruppe passiert. Es gibt viele verschiedene Handlungsstränge. Wer sich also ein zweites Spiel kauft, kann so durch Würfelpech oder Ereigniskarten eine ganz andere Story erleben. Für so viel optionale Handlung braucht man Material. Heraus kam ein dreieinhalb Kilo schweres Spiel mit mehr als 1.400 einzelnen Komponenten. Das aufwendigste Brettspiel, das selbst ein Großverlag wie Ravensburger je produzierte. Wie bei großen TV-Serien üblich, sind auch die teuren und aufwendigen Legacy-Spiele etwas für die internationale Vermarktung. „Im Sommer erscheint die englische Version des Spiels und es gibt Anfragen aus Italien, Polen, Frankreich und China", sagt Ravensburger-Redakteur André Maack. „Wir sind gespannt, in welche Länder uns die Reise in der nächsten Zeit führt."

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