Kultur Ganz schön Dada

Abgefahren: Der Bielefelder Christian Y. Schmidt legt mit „Der letzte Huelsenbeck“ sein Romandebüt vor. Die Story ist fiktiv, hat aber autobiografische Züge

Anke Groenewold

Bielefeld. „Eigentlich hätte man in der Stadt zweitausend Worte für Regen haben müssen.“ Welche Stadt beschreibt Christian Y. Schmidt auf der ersten Seite seines ersten Romans? Natürlich Bielefeld. Der Autor nennt seine Heimatstadt in „Der letzte Huelsenbeck“ zwar nie beim Namen, aber sie ist zweifellos einer der Schauplätze des Buchs. In Bielefeld ist Christian Y. Schmidt geboren, sein Romanheld, der Endfünfziger Daniel, ebenfalls. Daniel lebt in Hongkong und kehrt in seine Heimatstadt zurück, um einen Jugendfreund zu beerdigen. Es ist der Beginn eines schrägen Trips, der sich furios steigert. Für Daniel wird es eine Reise zurück in die Vergangenheit. Er will sich erinnern: Wie war das in den späten 70er Jahren, als er mit vier anderen Jungs die „Huelsenbecks“ gründete. Von den Dadaisten inspiriert, startete die Clique Aktionen, „um Zweifel an der Wirklichkeit zu säen“: eine Bücherverbrennung auf dem Alten Markt oder den Selbstmord des Weihnachtsmanns. "Das war ziemlich bescheuert" Schmidt betont im Gespräch, dass der Plot des Romans erfunden ist, aber in einigen Punkten auf wahren Begebenheiten beruht. Der Weihnachtsmann flog tatsächlich vom Dach des Horten-Kaufhauses. „Das war ziemlich bescheuert“, räumt Schmidt ein, „der hätte jemanden treffen können.“ Glücklicherweise stoppte das Vordach den Fall der Puppe. Die „Anstalt“ im Roman ist natürlich Bethel, und sie für den Romanhelden ebenso bedeutsam wie Schmidt, dessen Vater dort als Diakon gearbeitet hat. „Es war faszinierend und prägt enorm, in Bethel aufzuwachsen, umringt von Patienten“, sagt er. Als Kind habe er geglaubt, die ganze Welt würde so aussehen, sagt der ehemalige Redakteur der Satire-Zeitschrift Titanic. Als Schmidt dann aufs Ratsgymnasium kam, „war das eine ganz andere Welt, da war ich einer aus Bethel“; einer, den Mitschüler aufzogen mit dem Satz „Du schuldest mir noch ’ne Mark“. Wieso, fragte Schmidt, und bekam zu hören „Ich hab’ dir damals in Bethel über die Mauer geholfen“. Als zweiten prägenden Einfluss nennt Schmidt seine religiöse Erziehung und die biblischen Geschichten im Kindergottesdienst, die seine Lust am Erzählen weckten. "Mit dem Erinnern war es bei uns allen nicht so gut" Romanheld Daniel versucht, die vermeintlich glorreiche Vergangenheit der Huelsenbecks zu rekonstruieren und stößt auf eine irritierende Leerstelle: Warum kann er sich kaum an die große Amerikareise des Jahres ’78 erinnern? Er klappert Bekannte von damals ab, um seine Erinnerungslücken zu füllen. Diese Lücken taten sich auch auf, als Autor Schmidt bei Freunden und Bekannten recherchierte, „um zu sehen, woran die sich erinnern und wie andere mich damals gesehen haben“. Ergebnis: „Mit dem Erinnern war es bei uns allen nicht so gut.“ Aus dem autobiografischen Material allein würde sich kein Roman formen lassen, zu mager war die Ausbeute. Aber Schmidt, der selbst Psychologie studiert und als Pflegehelfer in Bethel gearbeitet hat, hatte sein Thema gefunden. Erinnerung, Gedächtnis, Identitätskrise und Wahn sind Themen des Buchs über einen Mann, dem alles entgleitet; der plötzlich Muster und Zeichen in der Umwelt zu erkennen glaubt; der alle Berliner Adressen der Dadaisten abklappert, die er in Karl Rihas Reclamheft „Dada Berlin“ findet: der versucht, die mysteriöse Amerikareise auf einer mehrtägigen Fahrt im Berliner U-Bahnnetz zu rekonstruieren. „Akribisch recherchiert“ habe er das, erzählt Schmidt. Heißt, er hat diese Touren per Rad und U-Bahn tatsächlich unternommen. Eigenwilliger Sound und Rhythmus Bielefeld, Hongkong, Berlin, London und Amerika sind Schauplätze des Romans. Die faszinierendste aller Welten ist aber die des Geistes. Was in Daniels Kopf vorgeht, ist irrwitzig. In seinem Kopf feiere ständig jemand Karneval, erklärt Daniel einer Hypnose-Therapeutin. Was nicht überrascht, wirft er doch munter Medikamente und Drogen ein. Schmidt lässt das Karussell des Wahnsinns immer schneller und schneller kreisen, befeuert durch eine sehnige, geschliffene Sprache, die einen eigenwilligen Sound und Rhythmus hat. Ein rasantes, amüsantes, aber auch verstörendes Buch. Schmidt, der in Peking und Berlin lebt, ist jetzt für mehrere Monate in China. Auch dort wird er sein Buch vorstellen. Eine Lesetour durch Deutschland ist für Herbst geplant – und Bielefeld muss unbedingt dabei sein, findet Schmidt. Zur Person: Geboren 1956 in Bielefeld, war er von 1989 bis 1996 Redakteur der Satire-Zeitschrift Titanic. Seitdem arbeitet er als freier Autor, u. a. für FAZ, SZ, taz, Stern, konkret, NZZ, Zeit sowie Fernsehredaktionen. Er ist Senior Consultant der Zentralen Intelligenz Agentur und war Gesellschafter und Redakteur des Weblogs „Riesenmaschine“. Er ist mit einer Chinesin verheiratet, 2003 zog er nach Singapur, 2005 nach China. Er lebt in Peking und Berlin. Schmidt ist Autor von drei China-Büchern (zuletzt erschien „Allein unter 1,3 Milliarden – Eine chinesische Reise“) sowie den autobiografischen Skizzen „Zum ersten Mal tot – Achtzehn Premieren“.

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