Der Stuck bröckelt, die Erwachsenenwelt zerfällt: Silja Erdsiek (v.l.), Paul Erik Haverland, Elian Latussek, Michaela Duhme, Nico Nefian, Anja David, Nick Westbrock, Ann-Kathrin Veit und Benedikt Ivo in einer Szene aus dem Musical „Frühlings Erwachen". Foto: Bettina Stöss - © Bettina Stoess
Der Stuck bröckelt, die Erwachsenenwelt zerfällt: Silja Erdsiek (v.l.), Paul Erik Haverland, Elian Latussek, Michaela Duhme, Nico Nefian, Anja David, Nick Westbrock, Ann-Kathrin Veit und Benedikt Ivo in einer Szene aus dem Musical „Frühlings Erwachen". Foto: Bettina Stöss | © Bettina Stoess

Kultur Bielefelder Nachwuchstalente auf großer Bühne

Profis und junge Amateure stemmen gemeinsam die Musical-Version von Wedekinds Klassiker „Frühlings Erwachen“

Thomas Klingebiel

Silja bekam den Tipp von ihrer Gesangslehrerin, Paul wurde von einer Freundin angesprochen. Das Bielefelder Theater suche Nachwuchstalente für eine Musical-Produktion: „Frühlings Erwachen“, ein Broadway-Erfolg nach Wedekinds berühmtem Drama über Pubertät, sexuelle Neugier und Nöte. Nach fast einem Jahr Vorlauf hat die Inszenierung am Freitag dieser Woche Premiere im Stadttheater, auf die Bühne gebracht von Profi-Darstellern und jungen Talenten. Silja Erdsiek (23) und Paul Erik Haverland (19) spielen die Schüler Anna und Georg, zwei von insgesamt neun Nebenrollen, die zu vergeben waren. Mehr als 100 junge Menschen zwischen 18 und 26 Jahren hatten sich auf den Aufruf des Theaters hin beworben. „Es begann nicht gleich mit einem Vorsingen, sondern zunächst mit einem zwanglosen Workshop im Juli vergangenen Jahres“, sagt Dramaturg Jón Philipp von Linden. Erst nach einem zweiten Treffen im September sei die Entscheidung gefallen, wer für welche Rolle in Frage kommt. „Schon die zeitlichen Anforderungen an die Teilnehmer waren immens“, berichtet von Linden. Zunächst trafen sich die Nachwuchsdarsteller einmal pro Woche zum Tanz-, Gesangs- und Schauspieltraining. Ab Januar wurde der Probenrhythmus geändert: alle 14 Tage ein komplettes Wochenende, dazu mehrtägige Workshops in den Ferien. Im April begannen die besonders intensiven sechswöchigen Endproben mit täglichen Terminen am Theater, auch an den Wochenenden. „Es sollte keine reine Jugendclub-Produktion werden, deshalb haben wir viel verlangt. Wir wollten die Begeisterungsfähigkeit, den frischen Geist und das eigene Erleben der jungen Menschen von außen in die Produktion reinholen“, erläutert von Linden. „Aber wir geben durch das Coaching und Training auch viel an die jungen Leute zurück.“ Das können Silja Erdsiek und Paul Erik Haverland bestätigen. Wie die meisten der neun Nachwuchsdarsteller haben sie insgeheim den Traum, einmal ein Engagement an einem Musicaltheater zu bekommen. Silja hat Medienkommunikation und Journalismus studiert und arbeitet derzeit im Kommunikationsbereich. Nebenbei erhält die 23-Jährige, die seit ihrem neunten Lebensjahr in verschiedenen Chören singt, Gesangsunterricht. Für die Endproben von „Frühlings Erwachen“ hat sie sich Urlaub genommen. »Es fühlt sich gut an« „Ich habe die Zeit mit den Profis sehr genossen“, betont sie. „Wir sind auf ein ganz neues Leistungsniveau hin gefördert worden.“ Paul, der in einem Gospelchor singt und Klarinette spielt, hat nach dem Abitur ein Jahr eine Schauspielschule besucht. Hinsichtlich seines Berufsziels ist er trotzdem noch nicht ganz sicher. Was ihn bei den Proben am meisten beeindruckt hat? „Die Professionalität hier. Es fühlt sich gut an, dabei zu sein.“ Die drei jugendlichen Hauptrollen in „Frühlings Erwachen“ werden von jungen Profis gespielt. Michaela Duhme (28), regelmäßiger Gast am Theater Bielefeld, ist die Schülerin Wendla, die schwanger wird und das Kind auf Drängen der Mutter abtreiben lässt. Duhme hat schon reichlich Musical-Erfahrung. Für „Avenue Q“ am Theater Bielefeld schuf die Herforderin auch die Choreografie. „Ich finde es toll, dass junge Menschen durch dieses Projekt näher an die Leidenschaft kommen, ohne die man diesen Beruf nicht als das sehen kann, was er ist: ein großes Geschenk. Das Schönste für mich ist, die enorme gesangliche und auch menschliche Entwicklung mitzuerleben.“ Regisseur Christian Müller inszeniert Wedekinds Klassiker aus der Perspektive der Jugendlichen. „Wir zeigen ihren Blick auf die Erwachsenenwelt, in die sie sich geworfen fühlen wie in eine Horrorwelt“, sagt er. Müller belässt die Stückhandlung Ende des 19. Jahrhunderts. Nur die rockig-poppigen Songs, die von einer Band aus drei Solostreichern, Keyboards, Gitarre, Bass und Schlagzeug begleitet werden, schlagen den Bogen zur Gegenwart. Die Lieder sieht der Regisseur als „innere Monologe“, in denen die Gefühlswirren der Jugendlichen direkt zum Ausdruck kommen. Auf und neben einer schrägen Spielfläche auf der Drehbühne wird agiert und getanzt (Choreografie: Isabelle von Gatterburg). Drumherum lässt Zahava Rodrigo (Bühne, Kostüme) auf großformatigen Prints Stuckverzierungen zerbröckeln – eine Erwachsenenwelt, die langsam zerfällt. Melanie Kreuter, Sopranistin aus dem Hausensemble, und Gast Martin Christoph Rönnebeck schlüpfen in insgesamt 13 Erwachsenenrollen. Masken und comicartige Kostümdetails machen sie zu typisierten Vertretern der „Horrorwelt“. Singen dürfen sie nicht einen Ton. Die Musik in „Frühlings Erwachen“ ist ganz bei der Jugend. ( „Frühlings Erwachen“, Musical; Premiere: Freitag, 18. Mai, 20 Uhr, im Stadttheater. Sechs weitere Vorstellungen im Mai, Juni und Juli. Karten in der NW-Geschäftsstelle, Niedernstraße 21-27, Tel. 555-444.)

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