Symbolhafte Tanzbilder: Szene aus der Aufführung der Kölner Kompagnie „cie.nomoreless“ im DansArt-Theater. Foto: Meyer Originals - © MEYER ORIGINALS
Symbolhafte Tanzbilder: Szene aus der Aufführung der Kölner Kompagnie „cie.nomoreless“ im DansArt-Theater. Foto: Meyer Originals | © MEYER ORIGINALS

Kultur Theater mit Rollstuhl: "Role on"

Kölner Tanz-Kompagnie lotete im Bielefelder DansArt-Theater die Bandbreite erfüllender Begegnungen aus

Andreas Klatt

Zeitgenössischer Tanz ist nicht zuletzt dank der Community-Tanzprojekte „Zeitsprung“ und „Phase“ im Bielefelder Kulturleben inzwischen eine feste Größe – zum Glück, schließlich handelt es sich um eine Kunstform, die mit ihren symbolhaften Bildern einen ungeheuer wertvollen Beitrag zu schwelenden Diskursen leisten kann. Die Kölner Kompagnie „cie.nomoreless“ gastierte mit ihrem Stück „Role on“ im Theater des DansArt-Tanznetworks – und lieferte mit ihrer Choreographie ein ausdrucksstarkes Statement zu den Möglichkeitsräumen einer gleichberechtigten Gesellschaft. Die künstlerische Leiterin des Projektes, Gitta Roser, entwickelte ein Stück, das existenzielle Themen wie Begegnung und Identität um die Ausdrucksqualitäten mit und ohne Rollstuhl oszillieren ließ. Ihr aus Tanz-Laien und Semiprofessionellen bestehendes, hochkonzentriertes Ensemble nahm sich in den Szenen viel Zeit, um in Variationen darzustellen, wie die verführerische Note einer anfänglichen Lust am Kontakt in die Bredouille gerät, sobald sich Barrieren in die Begegnung schieben – ob diese nun im bühnenbildnerisch aufgegriffenen sprichwörtlichen Quadratschädel bestehen oder in den blickverzerrenden Glaswellplatten zweier Käfigboxen. Zur bloßen Puppe degradiert In denen verschanzen sich die Tanzenden zwischendurch immer wieder, um zwischen den Polen von Voyeurismus und Exhibitionismus eine Verortung zu finden. Wer ist der andere? Und wie gehe ich damit um, wenn das Gegenüber mich auf mehr oder weniger subtil gewaltvolle Art zur bloßen Puppe degradiert? Das bringt eine bedrückende Szene zum Ausdruck, in der die im Rollstuhl sitzende Tänzerin zunächst im Bezirzen Spiegelung erfährt, ehe sie – an den Haaren gezogen und gefesselt – in die Verdinglichung getrieben zu werden droht? Für solche Siedepunkte scheint sich die Kompagnie zu interessieren. Und antwortet in der Choreographie mit einer kompletten Zäsur, als die Szene abbricht und in einen boulevardesken Gute-Laune-Tanz umschwenkt. Halten wir es als Gesellschaft aus, uns der Bedrohlichkeit von Stigmatisierung für die Betroffenen zu stellen? Oder greifen wir zu eingeschliffenen Mechanismen der Verdrängung? Einige Szenen hätten durch eine schärfere Konturierung mehr narrativ-berührende Kraft entfalten können, doch insgesamt gelang es der Performance mit geradezu hypnotischem Impetus, eine Atmosphäre zu vermitteln und das Publikum mit wichtigen Fragen in den Abend zu entlassen.

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