Hintersinnig: Der Künstler Dirk Dietrich Hennig – auch bekannt als Schwitters-Fälscher C. G. Rudolf (1912-2012) – steht vor seiner Schwitters-Fälschung. Foto: Julian Stratenschulte/dpa - © Verwendung weltweit
Hintersinnig: Der Künstler Dirk Dietrich Hennig – auch bekannt als Schwitters-Fälscher C. G. Rudolf (1912-2012) – steht vor seiner Schwitters-Fälschung. Foto: Julian Stratenschulte/dpa | © Verwendung weltweit

Kultur Ausstellung im Sprengel-Museum Hannover: Mut zur Fälschung

Der Herforder Dirk Dietrich Hennig erfindet Malerbiografien

Joachim Göres

Hannover. Wolfgang Beltracchi malte im Stil von Max Ernst, Henry Matisse und vieler anderer weltberühmter Künstler, gab seine Bilder als ihre Werke aus und verdiente mit dem Verkauf Millionen. 2011 flog der Schwindel auf und Beltracchi wurde wegen Betrugs zu sechs Jahren Haft verurteilt. Viele Museen, Sammler und Händler fielen auf ihn herein – neben der Empörung gab es auch Bewunderung für den genialen Fälscher sowie Hohn und Spott für die getäuschten Kunstgutachter. Auch das Sprengel Museum Hannover war betroffen. Eine Stiftung hatte für das renommierte Kunstmuseum 2010 für einen Millionenbetrag ein vermeintliches Gemälde des Expressionisten Heinrich Campendonk gekauft, das sich als Fälschung Beltracchis herausstellte. Umso mutiger, dass im Sprengel Museum unter dem Titel „Fake News“ Bilder aus dem eigenen Bestand präsentiert werden, die als Fälschungen lange im Depot versteckt wurden. „Früher war das für Museen peinlich und man hat bei diesem Thema lange rumgeeiert. Heute spielt die Herkunft der Werke eine wachsende Bedeutung. Zudem lässt man sich eher über die Schulter schauen, denn man muss seine Arbeit stärker begründen“, sagt Museumsdirektor Reinhard Spieler. Eine Ausstellung, die zum genauen Blick ermutigen will: Der Betrachter kann zum Beispiel zwei Stillleben aus den 30er Jahren nebeneinander studieren – das eine stammt von Max Beckmann, das andere wurde 1968 vom Ehepaar Sprengel als Werk Beckmanns gekauft und später als Fälschung entlarvt. So wird in der Ausstellung auch mit je zwei Werken von Oskar Kokoschka und des Informel-Pioniers Wols verfahren. »Mit steigendem Marktwert nehmen die Fälschungen zu« Für den an Antworten interessierten Besucher ist diese Art der Präsentation nicht immer befriedigend, denn neben dem Original hängt jeweils ein Bild mit der Bezeichnung „Fälschung(?)“. Kokoschka hatte immer bestritten, dass das Bild „Blick auf die Jungfrau von Mürren aus“ von ihm stammt, gleichzeitig gibt es Aussagen von als glaubwürdig geltenden Kunsthistorikern, die Kokoschka als Urheber dieses Bildes bezeichnen. Kunstfreunde bleiben auf Experten angewiesen – und erleben dabei in der Ausstellung in Hannover, dass auch sie nicht selten passen müssen. „Aus der Sammlung Ernst Schwitters haben wir viele Werke aus der russischen Avantgarde, deren Echtheit nur schwer zu überprüfen ist“, sagt Ausstellungskuratorin Carina Plath. Diese Konfusion will Dirk Dietrich Hennig noch verstärken. Der 1967 in Herford geborene und in Hannover lebende Künstler erfindet Biografien von Kollegen, unter deren Namen er seine Bilder präsentiert. Hennig hat sich auch die Kunstfigur Carl Gerhardt Rudolf ausgedacht – ein begnadeter Autodidakt, der in der DDR von der Stasi erpresst wurde, verschollen geglaubte Werke großer Künstler zu schaffen, damit diese dann für Devisen in den Westen verkauft werden konnten. In der Ausstellung sind Plastiken von Hennig/Rudolf im Stil von Kurt Schwitters neben echten Schwitters-Arbeiten zu sehen. „Es ist naheliegend, dass es Menschen wie Rudolf gab, aber nicht nachweisbar“, sagt Hennig. Ausstellung zu ernstem Thema hat teils skurrile Züge Nach wie vor dürfte die Angst in der Kunstwelt groß sein, an der Nase herumgeführt zu werden. Beltracchi hat nach seiner Freilassung betont, dass die meisten seiner rund 300 gefälschten Bilder noch im Umlauf seien. Das Sprengel Museum bekommt immer wieder vermeintliche Werke von Kurt Schwitters angeboten. „Mit steigendem Marktwert nehmen die Fälschungen zu“, sagt Plath und ergänzt: „Ein finanzieller Schaden ist unserem Museum nicht entstanden. Wir haben keinen Ankaufsetat.“ Angedeutet wird die lange Geschichte der Fälschung von den Kopien alter Meister über Künstler, die für die Aberkennung und Umdatierung ihrer Werke berüchtigt waren bis hin zu erfundenen Künstlerpersönlichkeiten und Pseudonymen. Dabei wird im Untertitel „Original+Fälschung+Kopie+ . . .“ Bezug auf die Ausstellung „Original+Fälschung“ von Sigmar Polke 1973 im Westfälischen Kunstverein Münster genommen, bei dem der Popkünstler selbst hergestellte Fälschungen von Rubens, Rembrandt, Toulouse-Lautrec und anderen präsentierte, die sich aber deutlich vom Original unterschieden. Eine Ausstellung zu einem ernsten Thema mit teils skurrilen Zügen, der zu wünschen ist, dass sie zum Nachdenken über den Wert und das Verhältnis von Original und Kopie beiträgt. ´ Bis 14. Oktober im Sprengel Museum Hannover, Kurt-Schwitters-Platz, di. 10-20 Uhr, mi.-so. 10-18 Uhr. Tel. (05 11) 1 6 84 38 75.

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