Eskstatisch: Der Goldregen entzückt die weißen Götter Fricka (Sarah Kuffner, v.l.), Wotan (Frank Dolphin Wong), Donner (Olaf Haye), Froh (Lianghua Gong) und Freia (Melanie Kreuter), am Boden liegen Statisten. Foto: Bettina Stoess - ©Bettina Stoess
Eskstatisch: Der Goldregen entzückt die weißen Götter Fricka (Sarah Kuffner, v.l.), Wotan (Frank Dolphin Wong), Donner (Olaf Haye), Froh (Lianghua Gong) und Freia (Melanie Kreuter), am Boden liegen Statisten. Foto: Bettina Stoess | ©Bettina Stoess

Kultur Bielefelder "Rheingold" reizt zum Nachdenken

Premiere: Mizgin Bilmens radikale Inszenierung hat kleine Minuspunkte. Die Leistung der Philharmoniker ist fulminant

Johannes Vetter

Bielefeld. In seinem geistreichen Wagner-Brevier vertritt George Bernhard Shaw die These, Richard Wagner hätte sich das Texten und Komponieren der „Götterdämmerung“ sparen können, denn eigentlich sei die „Ring-Tetralogie“ schon in dem Moment, als Siegfried den Speer Wotans zerbricht, an ihr Ende gekommen. Die Premiere von „Das Rheingold“ im Bielefelder Stadttheater hat diese luzide Sichtweise noch einmal radikalisiert. Wozu brauchen wir noch „Walküre“ und „Siegfried“?, scheint die Inszenierung der jungen Mizgin Bilmen zu fragen. Mit dem „Rheingold“ sei doch schon alles gesagt. Erda, die Erdgöttin: „Alles, was ist, endet. Ein düst’rer Tag dämmert den Göttern.“ Im Hintergrund ein aufquellender Atompilz. Total-Finale. Es beginnt mit einem kleinen inszenatorischen Missgriff. Unter optischen und akustischen Warnsignalen wird, noch vor der Ouvertüre, der Bühnenvorhang wie ein Werkstor hochgefahren. Eine Anspielung auf die später in Szene gesetzten unterirdischen Fabriken Alberichs? Das aus dem Nichts kommende, naturtongeschwängerte Vorspiel, dessen Aura in dem Augenblick zerstiebt, als Alberich sich des Rheingolds bemächtigt, wird so in seiner Schlüsselmomentwirkung geschmälert. Eine Oper aus dem 19. Jahrhundert im Lichte zeitgenössischer Problematik zu inszenieren, ist nichtsdestoweniger vornehme Bürgerpflicht, allein schon deshalb, weil Opern in aller Regel ihre eigene Gegenwart reflektieren und schon damals auf mehr als nur auf die Erbauung des Publikums setzten. Musste das Foto der angeschwemmten Kinderleiche sein? Krassestes Indiz für das Unheil in der Welt sind Kriege. Videos (Malte Jehmlich), die an Kriege aller Zeiten und Regionen erinnerten, beglaubigen die Eskalation des Unheils im Wagner’schen Rheingold. Doch war es nötig, jene Fotos der angeschwemmten Kinderleiche, über die damals die Redaktionen schon stritten, ob eine Veröffentlichung vertretbar sei, zu benutzen? Der Rezensent bezweifelt das. Ihr Fehlen hätte der Inszenierung nichts genommen. Dass das Rheingold nicht als eigentliches Gold sichtbar war, sondern in Gestalt von untoten Arbeitssklaven Bühnenpräsenz hatte, ist zwar über die marxistische Mehrwerttheorie nachvollziehbar, inszenatorisch aber doch etwas weit hergeholt. Grandios allerdings war die Kostümierung der Mehrwertschaffenden, die das innere Geäder der Ausgemergelten sichtbar machte (Alexander Djurkov Hotter). Ein guter Schachzug der Regisseurin, die Inszenierung nicht einer bestimmten Epoche zuzuordnen, Heillosigkeit als Thema der Menschheitsgeschichte insgesamt. Unter einer stählern anmutenden Zeltkonstruktion nimmt das Unheil seinen Lauf (Bühne: Cleo Niemeyer). Die Götterwelt besteht aus weiß ausstaffierten Operettenfiguren. Loge dagegen fällt als schwarz gekleideter existenzialistischer Dandy auf, glänzend dargestellt durch Gastsänger Alexander Kaimbacher, der, wenn es ein Sängerstreit gewesen wäre, den goldenen Lorbeer errungen hätte. Frank Dolphin Wong bringt einen etwas heruntergekommenen Wotan auf die Bühne, die beiden Riesen Fasolt und Fafner (Moon Soo Park, Sebastian Pilgrim) stecken im Gewande leicht korrumpierbarer Söldner, die sich einbilden, ihre eigenen Interessen zu vertreten und doch nur Marionetten im Spiel der Mächtigen sind. Kurz, aber umso eindrucksvoller der Auftritt von Katja Starke als Erda. Herzallerliebst die den Alberich bezirzenden Rheintöchter (Nienke Otten, Hasti Molavian, Nohad Becker). Alberich, der machtgeile Putschist, der an seiner Geltungssucht scheitert, findet in Yoshiaki Kimura seinen Meister. Wenig Hypnose, viel Pointenfeuerwerk Die eigentliche Regisseurin des Stoffes aber ist die Musik. Wagner verlangt in seiner Partitur allein bei den Streichern 64 Musiker. Die Dimensionen des Bielefelder Orchestergrabens stempeln das zu einem Ding der Unmöglichkeit. Der „Bielefelder Wagner“ kommt also in „kammermusikalischer“ Fassung daher. Nicht so sehr üppiges Wallen und Fließen und Wabern, als vielmehr farbliches Pointenfeuerwerk, analytische Transparenz, Hörbarmachung der Instrumentierungskunst. Fulminante Leistung der Philharmoniker, leidenschaftlich nüchternes Dirigat Alexander Kalajdzics, echte Konversationskunst, weniger Hypnose. Ein paar klitzekleine Lässlichkeiten, die bei den kommenden Aufführung von selbst verschwinden werden. Wie sagte die Regisseurin in einem Interview mit dieser Zeitung? „Ästhetik ohne Ethik ist Kosmetik.“ Wenn wir uns an den alten Griechen orientieren, ist doch das Schöne zugleich das Wahre. Und wenn wir weitergehen zu Rilke, für den „das Schöne nichts als des Schrecklichen Anfang“ ist, so hat der Atompilz am Ende der Rheingoldpremiere seinen legitimen Ort. Aber müssen wir deshalb gleich zu Weltuntergangspropheten mutieren? Eine Aufgabe zum Nachdenken!

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