Schwingt die Jacke: „Kraftklub“-Frontmann Felix Brummer gibt alles und bekommt viel zurück. Foto: Christian Weische - © Christian Weische
Schwingt die Jacke: „Kraftklub“-Frontmann Felix Brummer gibt alles und bekommt viel zurück. Foto: Christian Weische | © Christian Weische

Kultur Kraftklub gibt alles

Das Rockquintett aus Chemnitz machte auf seiner „Keine Nacht für Niemand“-Tour Station in der Bielefelder Seidenstickerhalle. 8.000 Zuschauer tanzten sich in Trance

Melanie Gieselmann

Bielefeld. Immer größer, immer lauter, immer heißer: Ein ums andere Mal gelingt es der Chemnitzer Rockband „Kraftklub“, noch eine Schippe draufzulegen. Bei ihrem ausverkauften Konzert in der Seidenstickerhalle erreichten Frontmann Felix Brummer und die anderen „Klub-Anhänger“ ein neues Level in der „Kraftklub-Live-Ära“. Einige haben Stunden in der Kälte ausgeharrt, um ihren Anpeitschern von ganz vorne aus zujubeln zu können. Viele sind hunderte Kilometer weit gefahren, um den Auftritt von „Kraftklub“ zu erleben – manche sind sogar aus Magdeburg, der Station vom Vorabend, gefolgt. Kraftklub ist ganz oben, in den größten Hallen des Landes, angekommen. Es ist die geballte Ladung Energie und Euphorie, die ein Konzert der Band aus der „Stadt mit K“ – sie nennen ihre Heimat nur zu gerne bei ihrem DDR-Namen „Karl Marx Stadt“ – derart aus dem Ruder laufen lässt, im überwiegend positiven Sinne. Die Menge vor der Bühne springt und tanzt sich rauschartig Song um Song in Richtung Trance. Angefangen mit „Hallo Nacht“, über „Fenster“ und „Eure Mädchen“ nimmt der „Kraftklub-Sonderzug“ an Fahrt auf. Die Theken sind während des Konzerts leer Wohl wissend, dass dieser stets bei einigen Fanatischen die körperlichen Grenzen überschreitet, bittet Sänger Felix Brummer schon zu Beginn des Konzerts darum, sich gegenseitig aufzuhelfen, sollte jemand stürzen, und sich vom Sicherheitspersonal vorne herausziehen zu lassen, „wenn jemand raus will!“. Doch wer sich einmal in den mitreißenden Sog des „Kraftklub-Strudels“ begeben hat, der kommt da nicht mehr so schnell raus. Gerade die Jüngeren im bunt gemischten Publikum verharren vor der Bühne, um ja nichts zu verpassen. Und so sind die Theken während des Konzerts überraschend leer. Vielen anderen Bands gelingt es nicht, die Sporthalle bis nach hinten hin mitzureißen – für Kraftklub scheint es ein Kinderspiel, deren sorgsam ausgewählte Setliste zielsicher auf den Höhepunkt zusteuert. Ein Glücksrad, das, von Svea aus dem Publikum gedreht, den nächsten Song bestimmt, ist das Einzige, was dem Zufall überlassen wird. Alles andere ist Kraftklub-Selbstläufer. Gemeinsames Wett-Crowd-Surfing Gleichzeitig nutzen sie ihre Popularität, um sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie auszusprechen. Nicht nur für ihre politischen Statements werden sie von ihren Fans geliebt, sondern auch für die Nähe zu ihnen. Eine Fahrt auf einer kleinen Bühne, quer durch den ganzen Saal, oder das gemeinsame Wett-Crowd-Surfing: Kraftklub gibt alles und bekommt viel zurück. 120 Minuten Tanz auf dem Vulkan, der auch nach dem Konzert nur langsam aufhört zu brodeln.

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