Kluger Kopf: „Ich habe mir einen bestimmten Ausschnitt aus unserer Gesellschaft oder aus dem Thema Internet ausgesucht", sagt Josefine Rieks über ihren Roman. „Ich hoffe, dass er nicht als Essay missverstanden wird." - © Tim Bruening
Kluger Kopf: „Ich habe mir einen bestimmten Ausschnitt aus unserer Gesellschaft oder aus dem Thema Internet ausgesucht", sagt Josefine Rieks über ihren Roman. „Ich hoffe, dass er nicht als Essay missverstanden wird." | © Tim Bruening

Kultur Josefine Rieks und ihr Roman "Serverland"

Die in Höxter geborene Autorin entwirft eine Zukunft, in der es das Internet nicht mehr gibt und Computer Elektroschrott sind. Ein hintergründiges Buch

Anke Groenewold

Bielefeld. „Ich blieb stundenlang allein und sah mir die Videos an. Ich vergaß alles um mich herum. Dass es so etwas noch gab. Überhaupt, dass es so etwas einmal gegeben hatte." Was bei Reiner, Mitte 20, Nerd und Austräger bei der Deutschen Post, Ehrfurcht auslöst, sind Videos, die er einer still gelegten Serverhalle entdeckt hat. Sie stammen aus der fernen Vergangenheit, als es das Internet noch gab. Das ist schon seit Jahrzehnten abgeschaltet in der Zukunft, die Josefine Rieks in ihrem Debütroman „Serverland" entwirft. Warum? Das hat die Autorin bewusst offen gelassen. „Sobald ich mir etwas ausgedacht hätte, was zum Abschalten des Internets geführt hat, wäre das nicht möglich gewesen, ohne eine kulturpessimistische These zu formulieren", sagt sie im Interview. „Das ist aber nicht das, was ich wollte." Ich-Erzähler Reiner sammelt Hard- und Software des untergegangenen Computerzeitalters. Sein neuer Schatz, ein Mac Book Air, „der Cadillac unter den Notebooks", ist ihm zu kostbar, um ihn mit in die Kneipe der Zukunft zu nehmen, die mit ihren vergilbten Spitzengardinen, der Schultheiss-Werbung und den schweigenden Männern an der Theke muffig und sepiabraun vorvorgestrig anmutet. "Die größte Katastrophe, die wir uns vorstellen können" „Dieses Gefühl, sich durch die Infrastruktur des Vergangenen zu bewegen" , dazu habe sie Arno Schmidt Geschichte „Schwarze Spiegel" angeregt, verrät Rieks im Interview. Bei Schmidt wandert ein Mann nach der atomaren Zerstörung des Dritten Weltkriegs durch die menschenleere Lüneburger Heide und die Relikte der Zivilisation. „Wenn dieser Entwurf einer digitalen Gesellschaft, in der wir leben, oder auf die wir zusteuern, scheitern sollte, ist das die größte Katastrophe, die wir uns vorstellen können", glaubt die Autorin, die in Höxter geboren wurde und in Berlin lebt. An der holländischen Küste hebt Reiner dank Autobatterie und App einen noch größeren Datenschatz: Google-Server mit Videos von Robbie Williams, Männern im Zoo, Schlachtrufen isländischer Fußballfans und einer Rede von Steve Jobs. "Mich hat interessiert, was wir im Internet sehen" Immer mehr junge Menschen strömen in die Serverhalle. Sie sind analog aufgewachsen und machen sich Gedanken über die Vergangenheit, die ihre Eltern, die einstigen Digital Natives, verdrängt und tabuisiert haben. Mythen, Mutmaßungen, Sehnsüchte, Utopien, Verklärtes, Naives und Quatsch schwirren durch die Serverhalle, die einer der Digitalarchäologen ehrfürchtig als „Kathedrale" bezeichnet. „Mich hat interessiert, was sie in dieser digitalen Gesellschaft oder im Internet sehen, und ich habe mir die Frage gestellt, ob wir Ähnliches glauben", so Rieks, die drei Jahre an ihrem Buch gearbeitet hat. Alle Daten des Internets stünden für Freiheit, sagt eine Figur im Buch; das Internet liefere Kategorien für eine globalisierte und gerechte Welt; es habe einst eine Kultur des ehrlichen Teilens, der freien Rede gegeben; das Wort Kommunismus fällt; der starke Feminismus in den Netzwerken. Reiner, der sein geistiges Eigentum übrigens nur widerwillig teilt, will die Server wieder in Betrieb nehmen. Er ist überzeugt, dass in einer digitalen Welt niemand jemals wieder allein sein muss. Josefine Rieks verweist darauf, dass in den USA diskutiert werde, inwiefern die Netzwerkgesellschaft ihre Wurzeln in der Hippiekultur der 60er und 70er Jahre habe und zitiert Timothy Learys „Der PC ist das LSD der 90er". Der Traum, sich auf dem Drogentrip mit anderen Menschen zu verbinden, werde abgelöst vom Traum der Vernetzung des Bewusstseins in einer virtuellen Welt – in der Hoffnung, dass dann alle gleich und frei sein würden. „Ich glaube, dass wir mehr daran glauben als uns bewusst ist", sagt Rieks. Der flirrende Beginn einer Jugendrevolte Der Roman beschreibt auch den flirrenden Beginn einer Jugendrevolte. Reiner, Aktivist der ersten Stunde, braucht andere für seine Mission. Als sich eine Bewegung bildet, entwickelt sie eine Eigendynamik. Das verstört Reiner, der stets zu wissen glaubt, was richtig und was falsch ist. „Es ist das Dilemma, das jede Bewegung und Utopie hat", so Rieks: Reiner sehe sich einer Institutionalisierung gegenüber, die viel verändern werde. Rieks wirft grelle Schlaglichter auf unsere digitale Gegenwart, auch auf deren Verklärung, möchte „Serverland" aber nicht als Essay missverstanden wissen. Der kompakte Roman hat Tempo und Humor. Man liest ihn in einem Rutsch und stellt fest, dass er rätselhafter und hintergründiger ist, als es zunächst scheint. Ein Erstling, der unterhaltsam zum Nachdenken anregt. Und wie kam Rieks zum Schreiben? „Ich konnte den ganzen Tag nicht bloß lesen", sagt sie trocken und zitiert den Franzosen Michel Houellebecq: „Ich hätte mein Leben gern als Lesender verbracht, ein solches Leben ist mir leider nicht vergönnt."

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