Kultur Ein Wiener am Bielefelder Theater

Portrait: Gregor Rot wirkt seit dieser Spielzeit als neuer Erster Kapellmeister bei den Philharmonikern.Der 36-Jährige lobt das hiesige Arbeitsklima als angenehm und professionell

Johannes Vetter

Gerade hat er sein siebtes Lebensjahr vollendet. Das Marionettentheater hat es ihm angetan, nicht als Zuschauer, sondern als Macher. Zusammen mit seiner Großmutter spielt er den „Freischütz" nach; eindrucksvolle Kulissen stehen zur Verfügung, sogar eine Regenmaschine. Musik findet (vorerst) nicht statt. Aus dem Libretto wird rezitiert. Acht Jahre später singt er, nicht gerade altersgemäß, Kunstlieder, was in ein Gesangsstudium mündet. Dabei stellt er fest, dass ihn, am Klavier sitzend, die Ensembleproben mehr interessieren als die Auftritte auf der Bühne. Partituren zu entschlüsseln, wird seine Passion Partituren zu entschlüsseln, wird seine Passion, die Erfahrungen des achtjährigen Theaterregisseurs tun ein Übriges, und sein Entschluss steht fest. Kapellmeister will er werden, und er wird es. In den letzten vier Jahren wirkte er als Erster Kapellmeister in Schwerin; nun ist er in gleicher Funktion in Bielefeld angekommen: Gregor Rot, der Mann aus Wien. In der ersten Bewerbungsrunde hat er Ausschnitte aus Beethovens Vierter und dem „Don Carlos" von Verdi dirigiert. In der zweiten den kompletten „Liebestrank" von Donizetti. Seine uneingeschränkte Liebe gehört der Oper Das Arbeitsklima in Bielefeld gefällt ihm. Als „angenehm" und „professionell" beschreibt er es. Dem studierten Sänger gefällt ein Passus in seinem Vertrag besonders gut. Ihm ist neben anderen Mitarbeitern die „Pflege des Gesangsensembles" anvertraut. Seine erste Opernpremiere feierte Gregor Rot mit „Benzin" am 13. Januar im Stadttheater. Auf einen Lieblingskomponisten will er sich nicht festlegen. Um Bach komme keiner herum; eine Schwäche für Wagner habe er. Wie steht es um das 20. Jahrhundert? Schnell kommt er auf Schostakowitschs Achte zu sprechen, ein monumentales Werk, das zu seinen drei Kriegssinfonien zählt. Es ist, zum Ärger der Kulturpolitiker in Moskau, kein Heldengesang, sondern ein Requiem. Auf Sibelius hält Rot große Stücke. Der finnische Komponist hat seine Musik einmal als „kaltes, klares Wasser" bezeichnet. Rot schätzt an Sibelius die kompromisslose Eigenständigkeit, den ganz eigenen individuellen Stil, mit dem er der überkommenen sinfonischen Form ein zeitgemäßes Gewand verliehen habe. Gerne steht er in der Küche und kocht mit Leidenschaft Seine uneingeschränkte Liebe aber gehört der Oper. „Elektra" und „Salome" von Richard Strauss findet er großartig, und besonders schätzt er den „Rosenkavalier", weil Strauss sich hier vom wagnerianischen Einfluss befreit habe und ganz er selbst geworden sei. Rots Repertoire ist vielseitig. Strawinskys „Rake‘s Progress" hat er dirigiert, „Dead Man walking" von Jake Heggie. Seine wichtigsten Aufgaben hat er schnell beschrieben: Partiturstudium, Orchesterstimmen einrichten, Gesangsensembleproben, Vorstellungen dirigieren. Und wenn er mal nicht in Partituren vertieft ist oder am Pult steht, steht er in der Küche und kocht mit Leidenschaft, oder er widmet sich Holzarbeiten. Welche Dirigenten ihn besonders fasziniert haben? Wilhelm Furtwängler, Carlos Kleiber, Lennie Bernstein. Gregor Rot ist ein nachdenklicher Mensch. Er denkt viel über die Zeit nach, weil die Musik ja vor allem vergehende Zeit ist. Ihm ist klar, dass sich das subjektive Zeitempfinden im Zuge der Menschheitsgeschichte drastisch verändert hat. Goethe empfand eine Reise mit der Kutsche als eher unangenehm, weil die Landschaft so schnell an einem vorbei rase und man sie gar nicht genießen könne. Die Sehnsucht der Menschen nach klassischer Musik deutet Rot als Sehnsucht nach Entschleunigung, als Sehnsucht nach Harmonie und Ordnung, die der Alltag so häufig vermissen lässt. Das Bielefelder Publikum darf gespannt sein Und dann kommt er noch einmal auf Webers „Freischütz" zurück. Da meldet sich also der achtjährige Puppenspieler noch einmal zu Wort. Rot empfindet den „Freischütz" als Werk des Übergangs. Es trage noch Spuren der klassischen Nummernopern, sei aber schon deutlich auf dem Weg zur romantischen Magie. Unerhörte Orchesterfarben seien wahrnehmbar. Um Licht und Schatten gehe es. Anlässlich einer Aufführung der Faust-Oper von Charles Gounod schrieb die Schweriner Volkszeitung von einem „herrlichen Abend, voll schwelgenden Klanges und reich an schönen Melodien", den Gregor Rot seinem Publikum beschert habe. Das Bielefelder Publikum darf gespannt sein, was für musikalische Geschenke Gregor Rot noch in seiner Vorratskammer hat.

realisiert durch evolver group