Stilles Finale: Tänzerin Inês Carijó watet durch eine Stofflandschaft. Foto: Joseph Ruben - ©joseph ruben
Stilles Finale: Tänzerin Inês Carijó watet durch eine Stofflandschaft. Foto: Joseph Ruben | ©joseph ruben

Kultur Tanz ums Tuch

Uraufführung: Im Tanzstück „Hautnah“ des Bielefelder Theaters dreht sich alles um das Thema Stoff. Der multimediale Abend im Tor 6 Theaterhaus verknüpft sinnliche Ästhetik mit Konsumkritik

Heike Krüger

Bielefeld. Ein sprichwörtlicher roter Faden zieht sich durch diesen Tanzabend. Multimedial aufbereitet, umgarnt er das Thema „Stoff“ aus verschiedenen Perspektiven, strickt mal ein sanft-elegisches, dann wieder elektrisierendes, mal klar konturiertes, dann eher symbolhaftes Gesamtbild. Mit seiner Produktion „Hautnah“ weist der Bielefelder Choreograf Simone Sandroni schon im Titel auf das hin, was für die Leinenstadt Bielefeld identitätsstiftend ist – Design, Produktion und die Weiterverarbeitung von Stoffen. Und weil das Produkt Kleidung, das wir alle hautnah tragen, nun mal untrennbar mit dem menschlichen Körper und seinen Besonderheiten verknüpft ist, schaut das Publikum zunächst auf eine Lein(-en)wand mit einer Flatline, die sich als Wollfaden entpuppt. Die Tänzer schälen sich unter einer schneeweißen Stofflandschaft hervor. Nackt, verletzlich im hautfarbenen eng sitzenden Kostüm, winden sie sich über die Bühne, richten sich auf, üben den aufrechten Gang. Jede Zutat in diesem Stück ist von großem ästhetischen Reiz Parallel zu diesem Bezug zur Evolution, der Entwicklung des Homo sapiens, werden aus dem einzelnen Faden auf der großen Stoffbahn viele Fäden, die nun miteinander verwoben werden. Dazu scheint eine mal minimal tönende, mal saitenzupfende, mal trommelwirbelnde, beredte Klangkulisse auf, komponiert von den Brüdern Ketan und Vivan Bhatti. Sie wird das ganze Stück hindurch kommentierend, die tänzerischen Artikulationen aber auch antreibend wirken. Manchmal sind einzelne Akustik-Instrumente herauszuhören, dann legt sich ein wahrer, elektronisch erzeugter Klangteppich unter die Akteure und ihre Bewegungen. Bewegt ist auch der Stoff, der in großen Bahnen üppig die Bühne im Tor 6 Theaterhaus überzieht oder als Projektionsfläche für Fotos und Videofilme von Kathrin Ahäuser und Konrad Kästner dient. Darauf zu sehen sind Details von Maschinen der Stoffherstellung, flinke Nadeln, Webrahmen, Hämmerchen und Spulen, die synchron zu den Tänzern hüpfen, rollen, rasen. Außerdem verlassene Textilfabriken und die Langzeitbelichtungen Ahäusers, die Tänzer in bunten Modedesigns (vielseitige Entwürfe von Eylien König, die auch für die Bühne verantwortlich zeichnet) zeigen, scheinbar miteinander verwachsen. Jede Zutat zu diesem kurzen, knackigen Tanzstück ist von großem ästhetischen Reiz, Tanz, Projektionen und Musik sind bestens aufeinander abgestimmt. Wie sie sich spreizen, die Pfauen und Hähne Die Tänzerinnen und Tänzer leisten Kräftezehrendes und bieten frische, innovative Bewegungsformen an, wie man sie bei diesem Ensemble so noch nicht sah: Die eckigen, zuckenden Bewegungen illustrieren das stolze Vorführen erster Kleidungsstücke durch den Homo sapiens. Wie sie sich spreizen, die Hähne und Pfauen. Danach folgt ein Reigen unterschiedlicher Modeschöpfungen, Kleidung dient nun nicht mehr allein dem Wärmen und Schützen – sie ist Vielfalt, ist Statement und Statussymbol. Dazu „tanzt“ eine Spule auf der Leinwand, die Musik erklingt stark rhythmisch. Ob temporeiche Formation oder beredte Duette, die Kampf und Konkurrenz ausdrücken – die Kompagnie geht oft ans Äußerste ihrer physischen Möglichkeiten. Außerdem ist sie noch für den Bühnenumbau zuständig. Eine starke Szene zeigt die Tänzer, mit Gummihämmern ausgestattet und von einem Kommandogeber angefeuert, auf Boden und Treppen hämmernd ins Publikum stürzend. Die neutrale Situation bekommt eine aggressive, kriegerische Note und wirft die Frage auf, ob es immer segensreich ist, wenn der Mensch ein neues Werkzeug in die Hände bekommt. Vielleicht als Verweis auf die Schattenseiten der Industriegeschichte verstehbar. Seelenlose Hatz auf die besten Schnäppchen Ideen zur Bebilderung des Themas Stoff, dessen erste von drei Produktionen mit „Hautnah“ vorgestellt wurde und wie die anderen von der Kulturstiftung des Bundes gefördert wird, haben Choreograf und Tänzer reichlich. Manche sind einfach wunderschön anzusehen, wie die auf Stoff projizierten wabernden Rauchschwaden und Bilder. Sie erwecken das Textil zum Leben, machen aus ihm ein organisches Wesen. Doch auch Konsumkritik scheint auf im Dreiklang aus Tanz, Projektion und Musik. Etwa, wenn ganz aktuell und regional, ein Film von der Eröffnung des Bielefelder Einkaufstempels „Loom“ im Oktober 2017 gezeigt wird. Durch Kameraführung und Schnitttechnik wird aus dem lokalen Event eine entfesselte, seelenlose Hatz auf die besten Schnäppchen. Billige, massenhaft produzierte Textilien aus Ländern mit ausgebeuteter Fabrikbelegschaft – jeder entscheidet selbst, wie er sich dazu stellt. Die Bilder kommen nicht tadelnd daher, geben aber scheinbar harmlosen Aktivitäten eine entlarvende Note. Am Ende – Stille. Eine einsame Tänzerin durchwatet die Stofflandschaft, überdacht von einem Gaze-Zelt. Auf der Leinwand die Melancholie einer verlassenen Fabrik. Dann bricht der Jubel des Premierenpublikums los. Ein stringent gewobenes, themenzentriertes und keinesfalls überladenes Konzept macht diesen einstündigen Tanzabend zu einem sinnlichen Erlebnis. ´ Weitere Vorstellungen: 25., 26., 27. Januar, 3., 4., 7., 8., 15., 16. und 17. Februar. Karten unter Tel. (05 21) 55 54 44.

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