An der Tankstelle: Nienke Otten (v.l.), Caio Monteiro, Jacek Laszczkowski, Melanie Kreuter und Yoshiaki Kimura in einer Szene aus der Oper „Benzin“. Foto: Bettina Stoess - ©Bettina StoessVeröffentlichung HonorarpflichtigBank:Bettina StöÃ, Sparkasse SaarbrückenIBAN
An der Tankstelle: Nienke Otten (v.l.), Caio Monteiro, Jacek Laszczkowski, Melanie Kreuter und Yoshiaki Kimura in einer Szene aus der Oper „Benzin“. Foto: Bettina Stoess | ©Bettina StoessVeröffentlichung HonorarpflichtigBank:Bettina StöÃ, Sparkasse SaarbrückenIBAN

Kultur Die Lust am Absurden

Bielefelder Stadttheater: Die Zeitoper „Benzin“ von Emil Nikolaus Reznicek feierte in einer Inszenierung von Cordula Däuper Premiere

Eine Oper um die attraktive Mannschaft eines Luftschiffs, die auf einer von mannstollen Frauen bewohnten Insel notlanden muss, dort Benzin tankt und dabei hypnotisiert wird, das klingt so gelesen erst einmal absurd. Es bleibt auch absurd, wenn der Stoff auf die Bühne kommt. Aber wie lustvoll die Groteske zelebriert werden kann, zeigten die Akteure, die am Samstag mit Emil Nikolaus von Rezniceks Oper „Benzin“ im Bielefelder Stadttheater Premiere feierten. Es ist erstaunlich, dass das, was uns zeitlich recht nah ist, manchmal weiter von uns entfernt scheint als die fernere Vergangenheit. In den 20er-Jahren existierte ein Genre namens „Zeitoper“, das um einen technischen Gegenstand herum konstruiert wurde. Im Falle von „Benzin“ aus dem Jahr 1929 also das Luftschiff. Nun ist der Operngänger von heute an vieles gewöhnt: Mord, Intrigen, Liebe, Verrat – aber nicht an Luftschiffe. Der Schauplatz: eine goldene Tankstelle im Sand Mit dieser Irritation spielt die Inszenierung von Cordula Däuper, die gar nicht erst den Versuch macht, seriös daher zu kommen. Nach der Luftschiff-Havarie öffnet sich der Vorhang für den Schauplatz der Geschichte: eine goldene Tankstelle im Sand (Bühnenbild von Ralph Zeger), deren Rückseite als Palmenstrand, Bar und Spiegelkabinett dient. Hier herrscht Gladys Thunderbolt, Tochter eines amerikanischen Milliardärs, die nicht nur ihres Geldes wegen stets ihren Willen bekommt, sondern auch, weil sie die Kunst der Hypnose beherrscht. Eine Paraderolle für Melanie Kreuter, die stimmlich überzeugte und souverän die musikalischen Tücken beherrschte, wobei sie ihr ganzes komödiantisches Talent zeigen darf und mit lebhafter Mimik lustvoll zwischen femme fatale und verwöhnter Göre pendelt. Dass dabei in ihren Händen jeder beliebige Gegenstand, vom Besen über den Zapfhahn bis zum Feuerlöscher, als Telefonhörer dient, wurde vom Publikum zunehmend kichernd goutiert. Ihr Objekt der Begierde, der Kommandant Ulysses Eisenhardt (Jacek Laszczkowski, der daneben etwas blass und stimmlich nicht in Hochform schien), widersteht ihren magischen Künsten und ihrem einnehmenden Wesen. Das ist für sie schwer zu ertragen, zumal um die beiden herum das frivole Leben tobt. Die Grenze zum Klamauk wird beherzt überschritten Gladys’ Freundin Violet (so schrill und lasziv wie stimmlich agil: Nienke Otten) erobert Ingenieur Freidank (Caio Monteiro mit sattem Bariton), Koch Obertupfer (Lutz Laible) und Funker Machullke (Lorin Wey) vergnügen sich mit Nell (Jasmin Etezadzadeh) und Lissy (Dorine Mortelmans). Am Ende bedient sich Gladys ihres Dieners Plumcake, von Yoshiaki Kimura mit drolliger Komik verkörpert, um Eisenhardt an sich zu binden. Die Akteure gaben sich kopfüber dem schrägen Spiel hin und schreckten auch nicht davor zurück, die Grenzen zum Klamauk ab und an beherzt zu überschreiten. Die exzentrischen Kostüme von Sophie du Vinage und Sarah Sauerborn runden die rasante Inszenierung ab. Apropos: Auch musikalisch ist „Benzin“ rasant. Fast collagenartig wechseln sich schwelgerisch-üppige Passagen mit jazzigen Schlagereinwürfen und schlanken Tonmalereien ab, und zwar ohne jegliche Übergänge. Eben noch gewichtiges Drama, im nächsten Moment ein fluffiger Foxtrott – eine Herausforderung. Es lohnt gelegentlich, die Übertitelung mitzuverfolgen Gregor Rot, Erster Kapellmeister der Bielefelder Philharmoniker, geleitete Sänger wie Orchester souverän durch die musikalischen Untiefen. Die Philharmoniker spielten hellwach und überzeugten in dramatischen Ausbrüchen mit vollem, starkem Klang ebenso wie in den Tanzszenen mit leichter Salonmusik. Die heikel offenliegenden Stellen müssen sich teilweise noch etwas zusammenrappeln. Obwohl in deutscher Sprache und mit gutem Textverständnis gesungen, lohnt es sich, gelegentlich die Übertitelung mitzuverfolgen. Zeittypische Textperlen wie „Benzin, Benzin, ist alles hin, ist nix mehr da, ist ganz lala“ sollte man nicht verpassen. „Benzin“ hat das Potenzial zu polarisieren. Wer sich auf die schräge Zeitreise einlässt, wird einen kurzweiligen Abend erleben, denn eines ist diese Oper ganz sicher nicht: vorhersehbar.

realisiert durch evolver group