Im gestreckten Wort-Galopp: Ingo Börchers macht sein Jahresendprogramm zu einer Arena kontroverser Begegnungen. - © Foto: Oliver Krato
Im gestreckten Wort-Galopp: Ingo Börchers macht sein Jahresendprogramm zu einer Arena kontroverser Begegnungen. | © Foto: Oliver Krato

Kultur Kabarettist Börchers blickt zurück

Unter dem Motto „Global denken, lokal amüsieren“ bilanzierten Ingo Börchers und seine Gäste im Theater am Alten Markt das Jahr 2017. Es gibt noch zwei weitere Vorstellungen mit je zwei neuen Gesprächspartnern

Anne Mann

Bielefeld. Das Jahr 2017 macht sich bald aus dem Staub, den es hier und da aufgewirbelt hat, doch zuvor bekam es noch einen ordentlichen lokalkabarettistischen Abgesang von Ingo Börchers auf der Bühne des Bielefelder Theaters. Und das lief zunächst auch wie am Schnürchen. William Ward Murta, wie immer die Gelassenheit in Person, saß am Klavier, und Sängerin Sarah Kuffner aus dem Opernensemble trällerte beseelt: „Sun of Jamaica“. Bis sie von Börchers brüsk unterbrochen und daran erinnert wurde, dass sich dieser Song tagespolitisch nicht mehr auf der Höhe der Zeit bewegen würde. Und als ihre hastig improvisierte „Ode an die Freude“ im Anschluss mehr zu einem wölfischen Triumphgeheul denn zu reinem Jubel des Herzens zu geraten drohte und sie bereits nach wenigen Zeilen in Textnot geriet, schickte der Kabarettist sie kurzerhand zurück in die Kabine. Natürlich war das alles nur vergnügte Show und diente Börchers dazu, das Publikum an das letzte Wahlergebnis zu erinnern und daran, was es seit neuestem auch außerhalb der Politik bedeutet zu „lindnern“ – lieber nicht aufzutreten, als falsch aufzutreten. Während die düpierte Sopranistin im Hintergrund noch mit den Türen knallte, ritt der Kabarettist im gestreckten Wort-Galopp bereits über den an Hürden nicht armen Sondierungsparcours der letzten Wochen und streifte dabei elegant auch andere Themen des Jahres. Immer darauf bedacht und ziemlich originell in dieser Kunst, das Globale mit dem Lokalen zu verbinden. 500 Jahre Reformation und 150 Jahre Bethel fasste er auf diese Weise in dem „Luther-Zitat“ zusammen: „Wenn morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Gadderbäumchen pflanzen.“ Pointierte Gedanken und Wortspiele, gewürzt mit Humor Dass er sich bei aller Lust am Witz und Bonmot auch auf die Moderation ernsthafter Themen versteht, bewies Ingo Börchers im anschließenden langen Bühnengespräch mit dem Sozialdezernenten der Stadt, Ingo Nürnberger. Glücklicherweise erwies sich der gebürtige Niederbayer, der vor drei Jahren von Berlin nach Bielefeld gewechselt ist, als unterhaltsamer Gast, der neben klugen und klar formulierten Aussagen über sein politisches Amt auch über ein sympathisches Maß an Selbstironie verfügte. Und als im späteren Verlauf des Abends mit Jutta Küster eine in der Flüchtlingsarbeit engagierte Sozialkämpferin, die schon manches Mal mit Nürnberger die Klinge gekreuzt hat, Börchers Gesprächspartnerin war, wurde deutlich, dass sich der Kabarettist auch einer besonderen Art des Stadt-Dialogs verschrieben hat. Indem er die Chuzpe hat, sein sich allmählich etablierendes Jahresendprogramm im Theater am Alten Markt zu einer Arena kontroverser Begegnungen zu machen. Daneben präsentierte er zu den kleinen und größeren Aufregern des Jahres – von Middelhoff bis Trump, dem nicht eröffneten Berliner Flughafen bis zum eröffneten „Loom“ – ein Potpourri pointierter Gedanken und Wortspiele, gewürzt mit scharfem Humor und kuriosem Wissen: „Wussten Sie schon, dass jeder 10. Europäer in einem Ikea-Bett gezeugt wird, das heißt fast jeder von uns einen skandinavischen Kopulationshintergrund hat?“ Eine größtenteils urkomisch agierende, gelegentlich aber auch mit ernsteren Liedern, die das Jahresgeschehen kommentierten, berührende Sarah Kuffner trug am Ende wesentlich zum großen Gelingen des Abends bei. ´? Weitere Termine sind heute, 29. Dezember , sowie am 3. Januar, jeweils 20 Uhr im Theater am Alten Markt, Karten gibt es bei der NW, Niedernstr. 21-27, Tel. 55 54 44 .

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