Gut drauf: Om Joari und Markus Hoehle. - © Bernd Kuhn
Gut drauf: Om Joari und Markus Hoehle. | © Bernd Kuhn

Kultur Ein ganz großer lauter Spaß

Gods Of Thunder: „A Tribute to Kiss“ im Bunker Ulmenwall

Achim Borchers

Kurz gedacht könnte man „Kiss“ ja als einen der größten Unfälle der Rockgeschichte in Sachen Imagedesign abtun. Angefangen bei der Namens-Typo bis zur Verquickung vom Schlagerrock etwa eines „I was Made For Loving You“ mit der Trash-Comicästhetik ihrer Böser-Böser-Clownkostüme. Und dann, hach ja, die Zunge. Weniger vordergründig betrachtet hat der reale Status als dann doch weitestgehend Hardrock-Ikone allein wegen der musikalischen Talente durchaus seine Berechtigung. Dem Kiss-Werk Tribut zollen kann man auf unterschiedliche Weise: Als Kopisten samt Schminke und Schmierentheater für den schlichten Fanservice. Oder fokussiert auf die Musik, auf Coverversionen, die mit eigenen Sichtweisen auf die Songs erst Sinn und Berechtigung erhalten. Dann war es auch schon wieder vorbei – bis zur Idee einer Reunion in diesem Jahr Das Bielefelder Projekt „Gods of Thunder“ zieht die zweite Option, und das macht es verdammt gut an diesem Abend im Bunker Ulmenwall. Dabei ist es eigentlich schon ein Wunder, dass dieses Konzert überhaupt zustande gekommen ist. Gods Of Thunder entstand vor etwa zehn Jahren, als die Kiss-Enthusiasten (und Gitarristen) Markus Höhle und Henrik Wächter zusammen mit Manuel Bürgel (Bass), Paul Keller (Drums) und Sängerin Om Johari die Coverband für ein paar Konzerte innerhalb der bekannten Bielefelder Kneipenkult-Reihe gründeten. Dann war es auch schon wieder vorbei – bis zur Idee einer Reunion in diesem Jahr. Dass angesichts der räumlichen Trennung eine Neubesetzung kein Thema war, zeugt von gegenseitigem Respekt vor den Talenten. So wurde kurzerhand der Bunker gebucht, vom Eintrittsgeld wird Oms Flugticket von Seattle finanziert. Und hier sind wir nun im gut gefüllten Bunker, umgeben von zahlreichen Kiss-Vintage-Shirts und speckigen Kutten. Mit den ersten Takten des Openers „God Of Thunder“ wird klar, warum sich dieser Aufwand gelohnt hat. Om Johari ist auf der Bühne eine echte Naturgewalt in Sachen Stimme, Präsenz, Dynamik und Energie. Und Om Johari macht einen großen Teil dieser oben erwähnten eigenen Sichtweisen aufs Sujet aus: Allein dass die manchmal doch etwas flachen, sexistisch durchsetzten Texte von einer Frau gesungen werden, bricht die Angelegenheit mit mehr als einer Spur Ironie. Dazu bringt die Band gefühlt manchmal mehr Druck und Kraft in die Songs, als es die Originale je taten. „I Stole Your Love“ etwa klingt fast wie Punkmetal à la Jingo de Lunch, beim Riff-Rock von „Cold Gin“ lässt Markus Höhle seinen Blick mit einem zufriedenen, beseelten Lächeln in die Runde über Band und Publikum schweifen, Saison für Kopfnicker, Fäusterecker, Mitgröler. Wo „Sure Know Something“ aus Kiss‘ Disco-Phase im Original irgendwie aufgesetzt und „nicht echt“ klingt, entwickelt sich der Song hier mit Unterstützung von Kerstin Belz als zweiter Stimme zum schwitzigen R&B. Auf der zweiten kleinen Bühne wird „Beth“ von Om allein mit Paul Keller am Piano zelebriert. „I Was Made For Loving You“ durfte natürlich nicht fehlen, aber nun gut, Iggy Pop hat man „The Passenger“ auch nicht übel genommen. Als letzte Zugabe „God Gave Rock ’n’ Roll To You“. Ein Song, ein Statement, das man auch in diesen Tagen durchaus kontrovers diskutieren sollte, wenn man statt Gott dann doch eher Namen wie Robert Johnson, Hank Williams, Little Richard oder Elvis Presley ins Spiel bringen würde. Aber hey, was für eine Hymne, beseelte Engelschöre des Publikums, Feuerzeuge, Smartphone-Lämpchen! Die Messe war gelesen. Ein ganz großer lauter Spaß.

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