Lieder von Liebe, Tod und Suff: „Molaski“ pendelt zwischen Blues und rauem Jazz. - © Ralf Bittner
Lieder von Liebe, Tod und Suff: „Molaski“ pendelt zwischen Blues und rauem Jazz. | © Ralf Bittner

Kultur Ein Vormittag voller Musik

Weihnachtsmatinee des Bunkers: Viele Bielefelder erlebten in der Oetkerhalle die Vielfalt der lokalen Musikszene zwischen Experiment und Bigband-Sound

Ralf Bittner

„Shake him and try to awake him!“ singt die Crew des Crossover-Shantychores Shantallica im Foyer der Oetkerhalle. Doch geschüttelt und geweckt werden müssen viele Bielefelder am Morgen des zweiten Weihnachtstages nicht. Wohl um die 1.000 Besucher dürfte die 13. Weihnachtsmatinee des Bunker Ulmenwalls nach Schätzung Wilhelm Kleis vom Trägerverein angelockt haben. Auf vier Bühnen plus einer Lesebühne gab es reichlich Musik und Kultur zu erleben – größtenteils made in Bielefeld und auf unterschiedliche Arten mit dem Bunker verbunden. Während der Chor noch singt, machen sich die Besucher schon auf in Richtung Kleiner Saal, großer Saal, Foyer links und Probenraum, wo in enger Folge kurz nacheinander Molaski, die Uni-Bigband, das Markus Schwartze/Willem Schulz Duo und das NÉK-Trio den Reigen der Auftritte in den jeweiligen Räumen eröffnen.Drei Stunden Programm auf fünf Bühnen Und die bilden auch den Querschnitt dessen ab, was es auch im Bunkerprogramm zu hören gibt. Eher Experimentelles auf hohem Niveau wie vom Duo Schwartze/Schulz, die erstmals bei der Matinee in dieser Kombination zu erleben sind, oder eine Stunde später das Duo Tobias Brügge (Saxophon) und Anja Kreysing (Akkordeon). Letztere mischen Geräuschstrukturen, Melodiefragmente oder narrative Elemente. Das Trio Molaski mit seiner Mischung aus zugänglichem aber rauen Jazz und knarrendem Blues locken viele Besucher in den Kleinen Saal, wo der Teppich zum Hinsetzen und Zuhören, aber auch zum Mitwippen einlädt. Später wird hier Tobias Held zeigen, dass sich auch rauer Indiepop, Elektrosamples und Jazz durchaus miteinander verbinden lassen. Den Abschluss macht „Electric Ulmenwall“, ein vor sechs Jahren im Bunker entstandenes Projekt mit experimenteller, elektronischer Musik. Ein Ort für die Vermittlung und die Erfahrung „Das ist genau das, warum der Bunker so wichtig ist“, sagt Klei: „Wir wollen einen Raum, wo junge Menschen an Musik, besonders Jazz herangeführt werden, und zwar als Zuhörer und als Musiker.“ Daher gehören zur Jugendarbeit, in die der Erlös der Matinee fließt, neben klassischen Musikworkshops unterschiedlicher Stilrichtungen, die Möglichkeit für junge Bands, im Bunker zu proben, oder freier Eintritt zu vom Bunker-Verein selbst veranstalteten Konzerten für Menschen unter 20 Jahren. Auch Angebote, erste musikalische Erfahrungen zu sammeln, gehören dazu. Dazu bieten offene Jazz-Sessions oder eben experimentelle Projekte wie „Electric Ulmenwall“ den Rahmen. Uni-Bigband und das „Final Bar Orchestra“ locken schließlich viele Besucher in den großen Saal. Die Uni-Bigband hat neben Standards auch Stücke von Jimi Hendrix mitgebracht und beweist, dass einst wegweisende Rock- und Bluesmusik auch im Bigbandsound innovativ klingt. Das NÉK-Trio improvisiert über auskomponierten Melodiebögen im Probenraum. Die Formation „wirsindwald“, die sich nach Drucklegung der Programme in eine kreative Pause verabschiedet hatte, wird von der seit zwei Jahren bestehenden Gruppe „schatulle“ so gelungen vertreten, dass viele Besucher keine Chance mehr haben, in den Raum zu gelangen, sondern nur im Foyer einen Eindruck von Groove und Atmosphäre gewinnen können. Regelmäßige Besucher kennen das: Bei den Aufritten in den kleinen Nebenräumen heißt es schnell sein für alle, die sicher einen Platz bekommen wollen. Konzentrierte Zuhörer findet eine Lesung im Bereich des Nebeneingangs, wo sich Ralf Burnicki als einer von vielen Autoren auf einen kurzweiligen konsumkritischen Nachweihnachtseinkaufsbummel begibt. „Auch Literatur hat bei uns einen festen Platz“, sagt Klei, sichtlich froh darüber, dass nicht nur die Musiker ohne Gagen für die Jugendarbeit des Bunkers spielen, sondern auch viele Bielefelder durch den Matineebesuch ihre Unterstützung von Bunker und lokaler Kulturszene zum Ausdruck bringen.

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