Neue Töne: Jochen Vahle hat die Trompete entdeckt. Da staunen sogar die Bandkollegen Oliver Damaschek (v. r.), Florian Altenhein und Martin Mauntel. Foto: Ralf Bittner - © Ralf Bittner
Neue Töne: Jochen Vahle hat die Trompete entdeckt. Da staunen sogar die Bandkollegen Oliver Damaschek (v. r.), Florian Altenhein und Martin Mauntel. Foto: Ralf Bittner | © Ralf Bittner

Kultur Ungeprobt wunderbar

Alle Jahre anders: Das Traditions-Weihnachtskonzert der Seltaebs im Movie wird zur musikalischen Zeitenreise. Eine instrumentale Überraschung von Ebay und Kopfkino des Grauens von Youtube gab es auch

Ralf Bittner

Seit 1994 ist das alternative Weihnachtskonzert der Seltaebs Tradition, erst im Chattanooga oder Falkendom, seit einigen Jahren im Movie am Bahnhof. Obwohl die Gäste wissen, was sie erwartet – Musik von den 1980ern bis heute in akustischen Arrangements – gelingt es der Band um Sänger, Moderator, Glöckner und „Master of the Horn“ Jochen Vahle alle Jahre wieder sich und die Zuhörer zu überraschen. „Don’t You want me“ von „The Human League“ oder eine Uptempo-Version von Suzanne Vegas „Luca“ eröffnen den Abend. Obwohl 30 Jahre jünger fügen sich „Royals“ von Lorde und die Klassiker mit ihren mal schrägen Arrangements und Vahles überdrehten Gesangseinlagen stimmig ineinander. Oliver Damaschek und Martin Mauntel an den Gitarren und der zwischen Schlagzeug und Keyboard wechselnde Florian Altenhein improvisieren, mischen Stile und spielen sich die musikalischen Bälle zu. Nach einem Ouzo für die Band wird „Mas que Nada“ zum ersten Mitsingsong das Abends Dann beweist die Band, dass sie in der Gegenwart angekommen ist. „Ich könnte mich in meine Unterwäsche werfen und auf einer Abrissbirne durch den Saal pendeln“, sagt Vahle: „Das lasse ich aber bleiben, denn erstens bin ich zu alt und zweitens sehe ich Angst und Unverständnis in vielen Augen. Daher lassen wir’s beim Kopfkino.“ Mit sich förmlich überschlagener Stimme bricht sich dann „Wrecking Ball“ als musikalische Abrissbirne Bahn. „Wer das Lied immer noch kennt, dem empfehle ich einen Abstecher zu Youtube – das ist das Ding im Internet, wo du Videos gucken kannst“, scherzt Vahle auf das Alter der Besucher anspielend, von denen viele die 80er und 90er als Teenies erlebt haben dürften. Nach einem Ouzo für die Band zum Schmieren der Stimmbänder wird „Mas que Nada“ zum ersten Mitsingsong das Abends. Dann packt Vahle die für 69,95 Euro neu bei Ebay erworbene Trompete aus und zeigt, warum er sich in kurzer Zeit bandintern den Titel „Mister Horn“ erspielt hat. Die Trompete bei „Take Five“ klang wohl noch nie so frei und entfesselt wie an diesem Abend. Ob die Zukunft der Seltaebs nach 30 Jahren Bandgeschichte aber im Jazz liegt, darf doch bezweifelt werden. „Into the great wide Open“ wird zur musikalischen Verbeugung vor dem 2017 gestorbenen Tom Petty. Rammsteins „Engel“ mit wilden Soli auf den ebenfalls von Vahle bedienten Musikglocken wird zum hämmernden Gruß an den Verstorbenen. Nahtlos geht es weiter auf dem „Highway to Hell“. Das mit einen Augenzwinkern präsentierte „Weihnachten XXL-Konzert“ ist einfach ein großer Spaß nicht mehr, aber auch nicht weniger. Am Samstag, 21. April, feiern die Seltaebs ihren 30. Bandgeburtstag in der Oetkerhalle. Karten gibt es bereits im Vorverkauf bei der NW. Allerdings haben sich für diesen Abend auch Bob Dylan und Band in Bielefeld angekündigt. Vahle trägt’s mit Fassung: „Wer tanzen will, sollte seine Dylan-Karten wieder zurückgeben.“

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