Kultur Der Messias von Soulsville

Popgeschichte: Die Karriere von Isaac Hayes ist unauflöslich mit dem vor 60 Jahren gegründeten Plattenlabel „Stax“ verbunden. Ein 4-CD-Set würdigt das Schaffen des einflussreichen Sängers und Songschreibers

Bielefeld. Er war „Black Moses“, Soul-Superstar („Shaft“) und Galionsfigur der Black-Power-Bewegung in einer Person. Wie einem Messias lag ihm das Publikum 1972 bei „Wattstax“, dem schwarzen Woodstock-Festival in Los Angeles, zu Füßen. Weniger bekannt ist, dass Isaac Hayes schon in den 60er Jahren Soulklassiker unter anderem für das Duo Sam & Dave schrieb und als Studiomusiker, Arrangeur und Produzent den berühmten „Memphis Sound“ mitschuf. Alle diese Aspekte und jede Menge wunderbare Musik führt das 4-CD-Set „Isaac Hayes: The Spirit of Memphis 1962–1976“ zu einer umfassenden Würdigung des Soul-Revolutionärs zusammen. Erste Session mit Stax-Star Otis Redding Schon in der High School fällt auf, dass Isaac Hayes singen kann und mit einem absoluten Gehör gesegnet ist. An ein Musikstudium ist aber nicht zu denken. Das Waisenkind wächst in Memphis in ärmsten Verhältnissen bei den Großeltern auf. Hayes heiratet früh und muss mit Gelegenheitsjobs für den Unterhalt sorgen. Seine Musikleidenschaft lebt er bei gelegentlichen Club-Auftritten aus. Das ändert sich, als die örtliche Floyd Newman Band einen Ersatz-Keyboarder sucht. Mit Hayes an der Orgel nimmt Newman 1963 im Studio von Stax Records in Memphis das Instrumentalstück „Sassy“ auf (das erste Stück auf CD 1). Wenig später wird in der Studioband der Platz von Organist Booker T. frei, der aufs College geht. Hayes rückt nach. Sein erster Job: Aufnahmen mit Otis Redding. „Isaac war sehr ruhig, schüchtern fast“, erinnert sich Jim Stewart im opulenten 60-Seiten-Booklet. Der frühere Bankangestellte und Country-Fiddler gründete das Label 1957 zusammen mit seiner Schwester Estelle Axton. Hayes’ Talente kommen Schritt für Schritt zum Vorschein. Vom Keyboarder entwickelt er sich zum Arrangeur, im Gespann mit Texter David Porter auch zum Songwriter. Stax-Klassiker wie „Soul Man“, „Hold on! I’m Coming’“, „B-A-B-Y“ oder „Your Good Thing (Is About to End)“ gehen auf ihr Konto. Wenn die Songs im Studio eingespielt werden, ist Hayes stets dabei. Die Arrangements entstehen spontan, notenschriftlich fixiert wird nichts. Hayes, der musikalische Autodidakt, hat alles im Kopf. „Soulsville“ heißt das Stadtviertel, in dem das Stax-Studio, ein ehemaliges Kino, liegt. In der Gegend um die Kreuzung McLemore Avenue/College Street wohnen viele Musiker. Der Slogan „Soulsville U. S. A.“ ist die kesse Antwort auf „Hitsville U.S.A.“, die Parole des großen Konkurrenten Motown in Detroit. Stax verbucht mit seinem rohen, von Orgel, Bass und Bläsersatz getriebenen schwarzen Sound beeindruckende Chart-Erfolge. Auf der gerade erschienenen 3-CD-Compilation „Soulsville U.S.A.: A Celebration of Stax“ kann man die ganze Bandbreite nachhören: die hitzig- heisere Variante Otis Reddings, die sanftere von William Bell, die kochenden Instrumentalhits von Booker T. & The MG’s, den Gospel-Groove der Staple Singers. „Motown hatte das Süße, Stax den Funk“, brachte Rufus Thomas, zusammen mit Tochter Carla einer der ersten Stax-Stars, den Unterschied auf den Punkt. Stax kann Motown aber nicht den Rang ablaufen. Motowns Stars, die Temptations oder die Supremes, kommen bei schwarzen und weißen Plattenkäufern gleichermaßen an. Die Kern-Kundschaft von Stax ist schwarz. Das Familienunternehmen aus dem ländlichen US-Süden muss, um seine Platten überhaupt landesweit in die Läden zu bekommen, eine Vertriebsvereinbarung mit dem gewieften Majorlabel Atlantic Records in New York abschließen und wird prompt über den Tisch gezogen. 1968 stellt sich heraus, dass Atlantic sich im Kleingedruckten die Rechte an sämtlichen Aufnahmen gesichert hat. Stax steht plötzlich ohne Backkatalog da. Es ist der dritte schwere Schlag für die Plattenfirma. 1967 kommt Otis Redding, der Superstar des Labels in den 60er Jahren, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Am 4. April 1968 wird Martin Luther King in Memphis ermordet. Das Attentat zerstört auch die seit den Anfangstagen bewährte, auf Rassenintegration beruhende Arbeitsweise des Studios. Doch Al Bell, der clevere Vize-Labelchef, gibt nicht auf. Er verwandelt Stax in den Tonarm der erstarkenden Black-Power-Bewegung. Um den an Atlantic verlorenen Katalog neu aufzubauen, bringt er 1969 an einem Tag 27 neue Stax-Alben heraus. Eines davon wird zum Millionen-Seller und Stax-Retter: Isaac Hayes’ „Hot Buttered Soul“. Hayes’ XXL-Balladen revolutioniertendas Genre Die vier überlangen, meditativen Stücke der Platte stoßen das Tor zu einem neuen Soul-Zeitalter auf. Hayes samtener Bariton schwebt über einem soliden R’n’B-Fundament, flauschigen Streicherkissen und rockigen Leadgitarren-Kürzeln. Weiße Hitsongs wie Burt Bacharachs „Walk on by“ oder der Glen-Campbell-Erfolg „By the Time I Get to Phoenix“ transferiert Hayes in tiefschwarze Musikzonen, wo er sie zu erotisierten XXL-Balladen dehnt. Diese Coverversionen markieren den Beginn von Hayes’ Solokarriere, die auf CD 2 und 3 des „The Spirit of Memphis“-Sets dokumentiert ist, unter anderem mit bisher unveröffentlichten Live-Tracks. CD 4 schließlich vermittelt einen Eindruck von Hayes’ Arbeitsweise: Der „Jam Master“ lässt die Musiker grooven („Do Your Thing“) und verbindet fremde und eigene Ideen zu unverwechselbaren Soul-Landschaften. Hip-Hop, Disco, Barry Whites Schmuse-Soul – alles lässt sich auf Hayes zurückführen. Allein seine 12-minütige „Walk on by“-Fassung ist bis heute zigfach gesampelt worden. Hayes ist der einzige Künstler, der in beiden Stax-Äras eine prägende Rolle spielte. Wie das Label verdiente er viel Geld und gab noch mehr aus. Stax ging 1977 pleite, wenig später auch Hayes. Er verlor seine Songrechte und begann eine Karriere als Schauspieler und Synchronsprecher („Simpsons“). Der goldverzierte Cadillac, mit dem er zu Glanzzeiten durch Soulsville kreuzte, dreht sich heute auf einer Bühne im Stax-Museum. Isaac Hayes starb 2008. Er wurde 65 Jahre alt. Die Platten: Isaac Hayes: „The Spirit of Memphis 1962 – 1976“, 4 CD, Universal „Soulsville U.S.A: A Celebration of Stax“, 3 CD, Universal Stax in Memphis: Im Studio der Plattenfirma Stax in Memphis nahmen Soulstars wie Otis Redding, Sam & Dave und Carla Thomas ihre großen Hits auf. Nach der Pleite des Labels 1977 verfiel das Gebäude zunächst und wurde dann abgerissen. 2002 eröffnete an derselben Stelle das Stax-Museum in einem originalgetreuen Nachbau des Studios. In einem Anbau befindet sich die Stax Music Academy, eine Musikschule für Jugendliche des bis heute armen „Soulsville“-Viertels.?(tom)

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