Wildes Frauenzimmer: Auch mit Diener (Robert Will) im Würgegriff macht Dornröschen (Wenja Imlau) als Rockröhre eine gute Figur. - © Landestheater/Björn Klein
Wildes Frauenzimmer: Auch mit Diener (Robert Will) im Würgegriff macht Dornröschen (Wenja Imlau) als Rockröhre eine gute Figur. | © Landestheater/Björn Klein

Gütersloh "Dornröschen" wird mit Kinderband "Randale" zum rockigen Weihnachtsstück

Premiere: Das aktuelle Weihnachtsstück zeigt Grimms Märchen ziemlich derb, aber auch sehr lustig gegen den Strich gebürstet. Die erste Aufführung wurde begeistert beklatscht

Matthias Gans

Gütersloh. Klar, der Thronfolger muss ein Junge sein. Warum sollte sich seine Majestät denn sonst den Kopf über den Namen seines Erstgeborenen zerbrechen? Doch der Hoflakai tut zaghaft Bedenken kund. Das Kind, auf dessen Geburt König, Hof und Staat warten, könnte auch ein Mädchen werden. "Man steckt nicht drin, Hoheit." Und tatsächlich: Der Nachwuchs, Dornröschen genannt, hat es in sich. Das gilt auch für die Umsetzung des Grimm-Märchens in der amüsanten, fetzig rockenden Koproduktion des Landestheaters Detmold mit den Kultur Räumen Gütersloh, die nun im ausverkauften Gütersloher Theater begeistert aufgenommene Premiere feierte. Danach wird das Stück nicht nur an den beiden Häusern, sondern auch 102 (!) Mal von Lübbecke bis Lüdenscheid, von Hameln bis Herford, von Witten bis Wolfenbüttel gezeigt. Theaterleiter Christian Schäfer hat als Autor den Märchenstoff gründlich auf links gedreht und den Zucker so abgeklopft, dass alle Niedlichkeit abgefallen ist. Zwar fällt auch dieses Dornröschen in einen 100-jährigen Schlaf, doch dorniger als die umschließende Hecke erweist sich das Kind selbst. Nie war Dornröschen pieksiger. Und selten lustiger. Bretterbude als Königshof Angesiedelt haben Schäfer und Regisseur Valentin Stroh das Stück an einen Königshof in Form einer pfiffig-vielgestaltigen, sich drehenden Bretterbude (Bühne und Kostüme: Jörg Zysik), an dem vornehmes Getue längst geissenhaft grölender Prollkultur gewichen ist und Nils Willers den König als Wolfgang Petry im Supermann-Strampler gibt. Gut, dass Stephanie Pardula als Königin, später auch Nina-Hagen-haft auch als böse Fee, Überblick und Oberhand behält. Zur Not springt auch der Haushofmeister (Robert Will) bei, den es zuweilen aber auch reizt, zur Rockmusik heftig ins Mikro zu grölen. Verhindern aber kann auch der Diener nicht, dass der König nicht mehr alle 13 Goldene Teller für die 13 weisen Frauen im Schrank hat. So muss die Tauffeier, die schon wegen des versoffenen Priesters zwangsweise ausfällt, auch noch mit Weissagerinnen über die Bühne gehen, die zwar in gut gelaunter Nummerngirl-Manier und Leggins und Käfigkrinoline ziemlich hipp ihre Wünsche aufsagen, aber doch eben eine zu wenig sind. So dass die uneingeladene Hexe Nr. 13, und da wird es kurz doch mal fast gruselig, tödlich beleidigt den unglückseligen Todesfluch ausspricht, was Nr. 12 Grimm sei Dank noch in einen 100-jährigen Schlaf abwandeln kann. Bielefelder Kinderrockband "Randale" macht Stimmung Derweil im Hintergrund der Fluch schwelt, wird Dornröschen größer und in Gestalt von Wenja Imlau ziemlich selbstbewusst. Als "wildes Frauenzimmer" bezeichnet sie sich selbst in ihrem Song, zu dem die Bielefelder Kinderrockband "Randale" trotz Pagenkostüme ziemlich punkig loslegt. Sänger Jochen Vahle hat auch die witzig gegen den Strich gebürsteten Lyrics geschrieben. Weit haben Vahle und Kompagnons das musikstilistische Feld abgesteckt. Da darf zum Schlaflied sanft mitgeschlummert werden, aber wenn die beiden Security-Herren Dornen und Hecke den Schlaf der Prinzessin schützen, ist auch Gelegenheit für einen echten Rap ("Du kommst hier nicht rein"). Spätestens zu diesem Zeitpunkt hat sich das zunächst noch recht reserviert gebende Publikum längst an den herzlich-schnoddrigen Tonfall dieses etwas anders ausgefallenen Weihnachtsmärchens gewöhnt und rockt mächtig mit. Und als am Ende Prinz Achmed (Thomas Ehrlichmann) aus dem Morgenland erscheint, herbeigeführt von seinem Herzen, seinem Verstand und guter Handy-Navigation, scheint das Glück perfekt. Denn geheiratet wird nicht. Zumindest nicht sofort, man ist doch noch viel zu jung. Für ein zünftiges Weihnachtsfest reichts allemal. Tipp: Mitfeiern. So lange es Karten gibt.

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