Raumgreifend: Adrien Tirtiaux vor seiner Arbeit im Marta. Verbunden sind die Elemente mit dem "Rietveld-Knoten". - © Ralf Bittner
Raumgreifend: Adrien Tirtiaux vor seiner Arbeit im Marta. Verbunden sind die Elemente mit dem "Rietveld-Knoten". | © Ralf Bittner

Herford Marta eröffnet neue Ausstellung

Aufbruch mit klaren Formen

Ralf Bittner

Herford. Noch zwei Jahre vor Gründung des deutschen Bauhauses entstand in den Niederlanden um die Zeitschrift "De Stijl" eine Bewegung von Künstlern, Gestaltern und Architekten, die sich anschickten, eine auf Rationalismus, Klarheit und Reduktion beruhende Erneuerung der Gesellschaft durch Kunst anzustreben. Typisch ist auch das sich auf die Primärfarben Rot, Gelb und Blau, ergänzt um weiß, Schwarz und Grau beschränkende Farbkonzept. "In den Niederlanden wird das Jubiläum mit vielen Ausstellungen begangen", sagte Marta-Direktor Roland Nachtigäller: "In Deutschland sind wir das einzige Haus." Zu den Schlüsselfiguren von "De Stijl" gehörte der Architekt und Designer Gerrit Rietveld, dessen bahnbrechendes Schaffen im Zentrum der Ausstellung "Revolution in Rotgelbblau - Gerrit Rietveld und die zeitgenössische Kunst" im Marta steht. Rund 140 Exponate aus dem Centraal Museum Utrecht bilden den historischen Kern der Ausstellung, darunter ein Modell des von Rietveld entworfenen Rietveld-Schröder-Hauses aus dem Jahr 1924, das als erstes modernes Haus überhaupt gilt. 18 zeitgenössische Künstler setzen sich mit Fotografien, Malerei, Performance, großformatigen Installationen oder Videos mit dieser frühen Moderne auseinander. "Die Künstler fragen, ob die Ideen heute noch tauglich sind", sagte Nachtigäller. "Auch steht die Frage im Raum, ob solche großen utopischen Entwürfe überhaupt noch vorstellbar oder ob diese einem blanken Zynismus gewichen sind." Durch Kooperation mit dem Centraal Museum ist ein spektakulärer Teil der weltweit umfangreichsten Rietveld-Sammlung im Marta zu sehen. Neben seinem berühmten "Rot-Blauen Stuhl" (1918) sind auch Exponate wie Piet Mondrians "Tableau No. X" (1925) oder Bart van der Lecks "Composition ?18-?22" (1921) zu sehen. Rietvelds "Rot-Blauer Stuhl" ist ein revolutionär gedachtes Möbel und Raum-Experiment, das durch Verzicht auf alles Überflüssige und die Verwendung unsichtbarer Dübel einen schwebenden Eindruck vermittelt. Ausgehend vom historischen Kern antworten die 18 zeitgenössischen Künstler mit Werken zwischen Anerkennung, ironischer Distanz oder kritischer Reflexion. Adrien Tirtiaux entwickelte auf Basis des Rietveld-Knotens, der typischen Möbelverbindungstechnik Rietvelds, eine raumgreifende Konstruktion, die fast die Galerie zu sprengen scheint. Tobias Rehberger ließ die aus dem Gedächtnis skizzierten Stuhlklassiker von afrikanischen Tischlern nachbauen. Die Ergebnisse sind fremd und vertraut zugleich. Christoph Büchel widmete den Stuhl persiflierend mit Ledergurten zum Folterinstrument um. Die vertretenen Künstler: Christoph Büchel, Nicolas Chardon, Marie Cool / Fabio Balducci, Theo van Doesburg, Jean-Pascal Flavien, Sylvie Fleury, Robert van ?t Hoff, Stefan Hoffmann, Thomas Huber, Sofia Hultén, Vilmos Huszár, Piet Klaarhamer, Imi Knoebel, Bart van der Leck, Erik van Lieshout, El Lissitzky, Mark Manders, Katja Mater, Piet Mondrian, Yves Netzhammer, Tobias Rehberger, Gerrit Rietveld, Andreas Schmid, Truus Schröder-Schräder, Adrien Tirtiaux, Friedrich Vordemberge-Gildewart, Johannes Wohnseifer, Piet Zwart.

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