Kultur „Ich wollte frei sein beim Schreiben“

Porträt: Die Berlinerin Kerstin Ehmer stellt auf der Frankfurter Buchmesse mit „Der weiße Affe“ihr überzeugendes Kriminalroman-Debüt vor

Frankfurt. Ariel Spiro war Kommissar – in der Kleinstadt Wittenberge. Dort agierte er höchst erfolgreich, aber auch unorthodox. Ein Geheimnis umwittert den Mann, der im Jahr 1925 nach Berlin versetzt wird – als Kommissar auf Probe. Kaum angekommen, hat er seinen ersten Fall an den Hacken. Einen heiklen noch dazu, denn der jüdische Bankier Eduard Fromm ist erschlagen worden. Noch ahnt der Neue nicht, dass ein zweiter grausiger Mord hinzukommen wird. Tief taucht Spiro bei seinen Ermittlungen in die vielschichtige Stadt ein, lässt sich treiben und gefangen nehmen vom pulsierenden Berlin – seinen Clubs, seinen politischen Auseinandersetzungen, seiner Schnelligkeit und Modernität, den Milieus der Verbrecher, der Arbeiter und Elenden, der Reichen und der Schönen, der großen jüdischen Gemeinde und den sexuellen Ausschweifungen in den Bars und Clubs. Erschaffen hat die vielschichtige Figur des Ariel Spiro die in Berlin lebende Mitinhaberin der berühmten „Victoria Bar“ Kerstin Ehmer. Auf der Frankfurter Buchmesse hat die 52-Jährige jetzt ihren ersten Kriminalroman unter dem Titel „Der weiße Affe“, der im Bielefelder Pendragon Verlag erschienen ist, vorgestellt.»Die 1920er Jahre weisen Parallelen zu unserer Zeit auf« „Das Schreiben hat mich immer schon gereizt“, sagt die gelernte Fotografin, die aus Hamm stammt und 1985 nach Berlin zog. 2001 gründete sie mit anderen, darunter ihrem Mann, ihre Bar an der Potsdamer Straße. 2013 legte sie mit „Schule der Trunkenheit“ ihr erstes Buch vor. Ein Sachbuch, das auf Genuss-Seminaren aus ihrer Bar basiert. „Bei einem Sachbuch ist man doch sehr eingeschränkt, ich aber wollte dieses Mal frei sein beim Schreiben, meiner Fantasie freieren Lauf lassen können“, erzählt sie. Deshalb habe sie auch keine wirklichen historischen Personen auftreten lassen in ihrem Krimi, sondern ihr Personaltableau frei erfunden. Spiro habe sie dabei bewusst als einen modernen Menschen angelegt. „Er ist mein Vehikel, um auch unserer Zeit nahezukommen.“ Vor allem aber ist er eine spannende, zerrissene Figur, die sich gegen raubeinige Kollegen, gegen den Korpsgeist in der preußischen Polizei und antisemitische Vorurteile durchsetzen muss, obwohl er kein Jude ist. Er ist einer, der merkt, dass, wer gut ist, nicht automatisch geschätzt wird, noch dazu, wenn er sich mit Verdächtigen einlässt, sich gar in ein Abenteuer mit Nike, der Tochter des Bankiers, stürzt und in Schwulen-Bars herumtreibt, in der ihr zwielichtiger Bruder Ambros verkehrt. Um dem Klima der 20er Jahre nahezukommen, hat Ehmer in Archiven, Zeitungen, Büchern aus und über diese Zeit intensiv recherchiert. „Zwei Jahre habe ich praktisch damit verbracht, über das Buch nachzudenken“, betont Ehmer, die Josef Roth, Irmgard Keun und Michael Chabon als ihre Lieblingsautoren und Vorbilder bezeichnet. Ihre gründlichen Recherchen sind dem Buch anzumerken. Man stolpert mit Spiro sofort mitten hinein in diese Wahnsinns-Metropole und die angeblich Goldenen 20er Jahre. „Die 20er haben mich sehr gereizt, denn sie waren eine Zeit großer Umbrüche und Widersprüche, frei und restriktiv zugleich. Eine Zeit, die durchaus Parallelen zu unserer aufweist, denn auch damals hatten viele das Gefühl, dass schon bald nichts mehr so sein wird, wie man es kennt.“ Das erlebten wir doch jetzt auch, dass Demagogen und Extremisten unser freiheitliches Leben bedrohen, betont die Autorin. Es gehe ihr aber auch darum zu zeigen, dass Identitäten nie eindeutig seien, dass sie ständig Veränderungen unterlägen. Ihr Kommissar trage zwar einen jüdischen Namen, sei aber kein Jude. Er sei ein gewiefter Ermittler, habe aber eine Leiche im Keller. Opfer seien bei ihr auch Täter und Täter eben auch Opfer. Der jüdische Bankier führe das geheime Leben eines deutschen Spießers an der Seite einer blonden Walküre, der er eine Wohnung zahlt. Es ist wahrlich nichts so, wie es im ersten Moment auf der Oberfläche erscheint – in diesem Krimi-Debüt. Ein Junge flüchtet sich in die Traumweltder Südsee Das gilt auch für den rätselhaften zweiten Fall, der sich langsam parallel zum ersten aufbaut. Erzählt wird er in kursiv gesetzten Passagen aus der subjektiven Innensicht eines 14-jährigen Jungen, der von seiner Mutter wie ein Sklave gehalten, missbraucht, geschlagen und mit Drogen vollgepumpt wird. Ein Junge, der sich in die Traumwelt der Südsee flüchtet, in der zum Krieger wird und so im Traum seine Opferrolle verliert. Dass Traum und Realität eines Tages eins werden, ist die große Tragik des Jungen, der am Ende für zwei Morde verantwortlich sein wird. Wie diese beiden Erzählebenen aufeinander zulaufen, das fesselt den Leser bis zuletzt. Im Lichte des zweiten Falls erlebt auch der erste eine ganz neue Wendung. Ein gelungenes Debüt und ein großes Spiel mit scheinbaren Gewissheiten. Schön, dass die Autorin bereits für einen Folgeband recherchiert. „Ich lese sehr viel, habe erste Ideen, entwerfe erste Plots“, sagt Ehmer, „denn die Geschichte vieler meiner Figuren ist ja noch lange nicht auserzählt.“ Stimmt. Kerstin Ehmer: „Der weiße Affe“, 280 Seiten, Pendragon Verlag Bielefeld, 17 Euro.

realisiert durch evolver group