Jeden Tag eine Zeichnung: „Ich möchte die Dinge festhalten, die mich bewegen“, sagt Christa Niestrath. - © Foto: Maria Frickenstein
Jeden Tag eine Zeichnung: „Ich möchte die Dinge festhalten, die mich bewegen“, sagt Christa Niestrath. | © Foto: Maria Frickenstein

Kultur Nachdenken über Demokratie

Ausstellung: Die Detmolder Künstlerin Christa Niestrath verschließt die Augen nicht vor dem, was sie tagtäglich in der Gesellschaft und Politik wahrnimmt

Bielefeld. „Keine Teilnahme" liest man, umrandet wie eine Traueranzeige mit schwarzem Balken. Die vielschichtigen Grafiken der Detmolder Künstlerin Christa Niestrath beschäftigen sich mit dem, was den Einzelnen und eine Gesellschaft bewegt. In ihrer Kunst visualisiert sie es in kompakter Form. So erzählt sie von den Menschen, die an den Olympischen Spielen in Peking 2008 nicht teilnehmen konnten. Unzählige Pekingbewohner wurden damals zwangsevakuiert. Die Künstlerin zeigt eine Frau in einer Spinnerei, das weinende sechsjährige Mädchen Jia, das wegen mangelnder Eignung niemals eine Profiathletin werden und doch von den Eltern zum harten Trainingslager angehalten wird. „Ich möchte die Dinge festhalten, die mich bewegen", so Christa Niestrath in ihrer Ausstellung in der Galerie „Raumstation". Ihre Arbeiten präsentiert sie unter dem Titel „und selbst?", eine Gegenfrage auf die übliche Erkundigung nach dem Befinden. „Ich mache jeden Tag eine Zeichnung", sagt sie über ihr Tagebuch, das sie seit 2001 führt und Auszüge auch auf ihrer Webseite zeigt. Niestrath, die an der Polnischen Universität in München Grafik studierte und seit 1985 als freie Künstlerin ihre gesellschaftspolitischen Gedanken in Installationen, Objekten und Grafiken verarbeitet, setzt Chinapapier ein, verwendet Drucke ebenbürtig wie Kopien als Material, auch Handschriftliches, Gedrucktes, Stempel. Jedes Lächeln bleibt hinter dem Schleier verborgen Mittels Wachs entsteht eine besondere visuelle Transparenz, die nicht ausreicht, das Dickicht einer Diktatur zu durchschauen. Sechs Tafeln sind wie ein Kleidungsstück auf einen Drahtbügel gehängt. Sie entstanden in ähnlicher Mischtechnik und zeigen, wie begrenzt der Blick durch das feinmaschige Netzgitter einer Burka ist. Eine vollverschleierte Frau kann nur nach vorn schauen, nur schemenhaft verschwommen erahnen, wie die Welt aussieht, zum Beispiel Alltägliches oder Tanzende, oder Sonnenhungrige auf einer Wiese. Jedes Lächeln bleibt hinter diesem Schleier verborgen. Malinka, Baha oder Zahra könnten sie heißen, alles weibliche Vornamen, die für die Frauen aus aller Welt stehen und die Christa Niestrath in ihren collageartigen Bildern benennt und anspricht. Auf ein Zeitungsdossier, das sich mit der Demokratie beschäftigte, reagierte Niestrath mit Kunst. Sie skizzierte die Interviewpartner, druckte ihre Vornamen, zitierte ihre Aussage handschriftlich und setzte einen Kommentar dazu. „Demokratie in der Kunst – Kunst in der Demokratie", so wird auch ein Diskussionsabend in der Galerie heißen, am Sonntag, 15. Oktober, 16-17 Uhr. Die Klarheit der Sprache mit dem scheinbar einfachen Umkehrschluss ist ein Nachhaken und eine Auseinandersetzung in der Runde wert.

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