Umgeben von Literatur: Götz Kositza am Schreibtisch in seinem Haus in Ummeln. - © Foto: Andreas Zobe
Umgeben von Literatur: Götz Kositza am Schreibtisch in seinem Haus in Ummeln. | © Foto: Andreas Zobe

Auf Du und Du mit den Klassikern

Götz Kositza interessiert sich für Autorender Goethe-Liga und Geschichte

Mein Bücherregal (12) Bielefeld. Erst mit 14, als er beim Bielefelder Arbeitsamt eine Lehre begann, konnte Götz Kositza sich eigene Bücher kaufen. Bis dahin war er eifriger Nutzer der Leihbücherei in Schildesche. Im Elternhaus – die Familie wurde 1943 aus Schlesien vertrieben – war für Bücher kaum Geld übrig. „Das hier habe ich aus der Brockensammlung der damaligen Universitätsbuchhandlung Phoenix erstanden“, sagt der 74-Jährige. In der Hand hält er „Goethes Weltanschauung“ von Eduard Spranger, Band Nummer 446 der Reihe „Inselbücherei“. War das nicht einige Nummern zu hoch für den Jugendlichen? „Das hat mich schon interessiert damals“, sagt Kositza. Die Klassiker sollten ihn sein Leserleben lang begleiten. Hoch oben im Regal im Wohnzimmer des geräumigen Hauses an der Anne-Frank-Straße im Stadtteil Ummeln thront die 29-bändige „Münchner“ Goethe-Ausgabe. Daneben Schiller, Fontane, Lessing, Storm, Kleist, Eichendorff und viele mehr. „Es sind alle vertreten“, sagt Kositza. Einige Werke hat er sich zusätzlich in besonders schönen Ausgaben mit Goldschnitt und edel gestalteten Einbänden zugelegt. Auf dem Schreibtisch steht in großen Lettern ein Goethe-Motto: „Erfolgreich zu sein, setzt zwei Dinge voraus: Klare Ziele und den brennenden Wunsch, sie zu erreichen.“ Er habe immer gern gelesen und sich von gehobener Sprache und Literatur angezogen gefühlt, sagt Kositza. Ein Goethe-Werk, in dem er immer wieder mal lese, sei die „Italienische Reise“. Mit einem Freund hat er sich in Italien sogar einmal auf Goethes Spuren begeben, erzählt der 74-Jährige, der sich mit 30 im Bereich Heizkostenabrechnung selbstständig machte. Christian Dietrich Grabbe, der Klassiker aus Detmold, ist ebenfalls einer seiner Favoriten. Mit Grabbe kam er während der Vorbereitungen fürs Abitur in Berührung, das er Jahre nach dem Volksschulabschluss berufsbegleitend nachholte. „Mir gefiel seine spöttische, leicht satirische Art, das sprach mich gleich an“, sagt er und hat auch gleich einen Satz aus Grabbes Drama „Napoleon oder Die hundert Tage“ zur Hand: „Ah, wie ich vermutete, der alte Brei in neuen Schüsseln.“ Die „neuere Literatur, etwa ab 1850“ (Kositza) steht gegenüber in einem anderen Regal. Dort findet sich unter anderem auch Kafkas „Das Schloss“, aber auch Strittmatters Dreibänder „Der Laden“. Vergeblich sucht man hier nach Kriminalromanen, was etwas überrascht, weil Kositza selbst Kriminalgeschichten schreibt. „Da habe ich keine Vorbilder“, sagt er. Schon als Schüler habe er Geschichten geschrieben. Seit er 2005 in Ruhestand ging, hat er wieder mehr Zeit für seine kleinen, nicht viel mehr als drei, vier Seiten umfassenden Kriminalerzählungen, die immer in Bielefeld spielen. Bisweilen trägt er sie in öffentlichen Lesungen vor, gedruckt wurden sie bisher nicht. „Aber ich möchte noch möglichst dieses Jahr einen Sammelband herausbringen“, sagt er. Wenn er schon keine Kriminalautoren zum Vorbild hat, haben ihm zumindest seine geliebten Klassiker einiges Rüstzeug mitgebeben. „Es tut auch schlichten Geschichten gut, wenn sie in guter Sprache geschrieben sind“, sagt er. Geschichte ist neben den Klassikern der zweite große Themenschwerpunkt im Bücherregal Kositzas. Auch dafür hat er sich schon sehr früh begeistert. „Wahrscheinlich, weil ich die Erwachsenengespräche bei uns zu Hause besser verstehen wollte.“ Bändeweise geht es um die beiden Weltkriege, um Ursachen und Auswirkungen, um Flucht und Vertreibung. Im Moment liest Kositza „Die Schlafwandler“, Christopher Clarks vielgelobte Studie zu den Ursachen des Ersten Weltkriegs. „Natürlich wollte ich auch möglichst viel über das abgelegene Dorf am Rand des Riesengebirges in Erfahrung bringen, aus dem wir 1946 vertrieben wurden“, sagt Kositza. Entsprechend viel Platz nehmen im Regal Bücher zur schlesischen Landeskunde ein. Nach so viel Geschichtslektüre lautet seine ernüchternde Erkenntnis: „Der Mensch lernt nichts dazu.“

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