Lesung im Mondo: Andreas Kollender schrieb über den aus Bielefeld stammenden Psychiater Ludwig Meyer. - © Foto: Maria Frickenstein
Lesung im Mondo: Andreas Kollender schrieb über den aus Bielefeld stammenden Psychiater Ludwig Meyer. | © Foto: Maria Frickenstein

Lesung Andreas Kollender über die brutale Geschichte der Psychiatrie

Der Schriftsteller war zu Gast in der Buchhandlung Mondo

Bielefeld. Beim Blättern in der Hamburger Chronik fand der Schriftsteller Andreas Kollender zufällig den Namen eines wegweisenden Psychiaters und mit ihm eine für damalige Zeiten ungeheure Begebenheit. Auf dem Marktplatz am Heiligengeistfeld verkaufte Prof. Dr. Ludwig Meyer 1864 sämtliche Zwangsjacken der neu gegründeten „Irren-, Heil- und Pflegeanstalt Friedrichsberg“, weil er nach englischem Vorbild ohne jegliche Zwangsmittel therapieren wollte. Andreas Kollender taucht in seinem fünften Roman „Von allen guten Geistern“ tief in das Leben des Ludwig Meyer (1827–900) ein, nebst Zeitkolorit. Zufall war es, dass der Bielefelder Historiker Bernd J. Wagner vom Stadtarchiv nach der Lektüre jetzt durch Dokumente belegen kann, dass Ludwig Meyer am 27. Dezember 1827 in Bielefeld geboren wurde, jüdischer Abstammung war und sich taufen ließ. In einem kleinen Buchladen wie Mondo ist eine Lesung immer mit einer besonderen Stimmung verbunden. Inmitten der Bücher liest Andreas Kollender, wie Ludwig Meyer seine Mutter in den Kellern der Psychiatrie auf unmenschliche Weise verliert. Das ist seine Motivation, für Menschlichkeit in den „Irrenanstalten“ zu kämpfen. Lebenslange, unterdrückte Kollender erzählt, wie Menschen mit Depressionen oder Psychosen im 19. Jahrhundert in feuchten, dunklen Verliesen ihr Leben fristeten, nicht selten angekettet und sich selbst überlassen. Besuchsrechte gab es nicht. Andreas Kollender, in Duisburg geboren, studierte in Düsseldorf Germanistik und Philosophie. 2000 erscheint sein erster Roman „Teori“ über den Forschungsreisenden Johann Georg Forster. Viel Erfolg bescherte ihm „Kolbe“, ein Roman über den Widerstandskämpfer Fritz Kolbe. Inzwischen lebt und arbeitet Kollender in Hamburg. „Menschen mit Selbstmordgedanken habe er immer gut verstanden“, liest Andreas Kollender die Stimme Ludwigs. Dem Schriftsteller gelingt nicht nur ein spannender Roman hinsichtlich der Historie. Vielmehr zeichnet der 53-Jährige Autor Ludwig Meyer als eine ambivalente Persönlichkeit. Aufgrund des ungerechten Leids seiner Mutter, trägt der Sohn eine lebenslange unterdrückte Wut auch gegen seinen Vater mit sich. Aber auch dem unnachgiebigen Vater gesteht Kollender eine Wandlung zu. Ludwig passt als veränderungswilliger Psychiater nicht in die reaktionäre Biedermeier-Zeit, wird gar als Widerstandskämpfer in der 1848er-Revolution verhaftet. Kollender wagt einen klugen Schachzug, indem er dem Protagonisten Willi Boysen als sein Alter Ego zur Seite stellt. Erst langsam habe sich dieses „Zweite Ich“ beim Schreiben herauskristallisiert, so Kollender. Als Insasse der Anstalt ist Boysen einerseits ein impulsgesteuerter, tobsüchtiger Patient. Andererseits spiegelt er die dunkle Seite seines Psychiaters, offenbart ihm ein überraschendes Geheimnis. Ebenso lebendig schildert der Schriftsteller die ungewöhnliche Liebesbeziehung zwischen Meyer und der Theaterschauspielerin Fanny Nielsen, eine moderne Liebe auf Augenhöhe. Hautnah erleben die Lesenden, wie das Theater von den Widersprüchlichkeiten der realen Welt lebt. Andreas Kollender schreibt unspektakulär, feinfühlig und in Rückblicken. Lesende zieht er unmerklich in diese unwirkliche Welt hinein. „Von allen guten Geistern“ verlassen waren psychisch Erkrankte, wie der mehrdeutige Titel es ankündigt, vor 150 Jahren tatsächlich. Nur Menschen wie Ludwig Meyer stehen für den guten Geist, der den Kranken schließlich mit Freundlichkeit begegnete.

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