robert seidel - © ECKHARD ROESSEL
robert seidel | © ECKHARD ROESSEL

Kultur Das große Leuchten

Lichtsicht: 20 Videokunst-Arbeiten internationaler Künstler werden bis 28. Januar auf Gradierwerke, Häuser und Fontänen in Bad Rothenfelde projiziert. Die Zukunft der spektakulären Schau ist ungewiss

Bad Rothenfelde. Das Gradierwerk brennt. Die Feuerwehr muss nicht ausrücken, das Flammenmeer ist digital. Steht man direkt davor, glaubt man, die Glut knistern zu hören. Tatsächlich ist es die Sole, die leise vom Schwarzdorngestrüpp des Alten Gradierwerks in Bad Rothenfelde tropft. Hintersinnig wird Holger Förterers Kunstwerk, wenn man sein Angebot annimmt, ein Teil davon zu werden. Wer eine App installiert, kann ein persönliches Foto an die Installation schicken. Das Bild taucht auf der Feuerwand auf und verbrennt dort langsam. Aber Vorsicht: Es wird nicht nur auf der Projektion vernichtet, sondern auch auf dem Smartphone gelöscht. Förterers „Feuerwall“ ist eine von 20 Arbeiten der 6. Projektionsbiennale Lichtsicht. Sie erwecken nach Einbruch der Dunkelheit die elf Meter hohen Gradierwerke auf einer Gesamtlänge von mehr als einem Kilometer zum Leben. Bis 28. Januar sind Beiträge internationaler Video- und Medienkünstler aus den fünf vorausgehenden Biennalen zu sehen. Möglicherweise ist es das letzte große Leuchten in dem Kurort, das 2007 seinen Anfang nahm. Der Mäzen und Unternehmer Heinrich W. Risken (Heristo) hat sich zurückgezogen. Die Anstrengungen, neue Finanziers zu finden, waren bisher erfolglos."Die Künstler sind mit ihrer Krisenfühligkeit sehr politiknah" Wer sich alle Arbeiten ansehen will, muss Zeit mitbringen. Es lohnt sich. Zu entdecken gibt es zum Beispiel den „Marathon der Tiere“ der im Sommer gestorbenen Künstlerin rosalie. Sie hat Röntgenbilder von Katzen, Fröschen, Affen, Vögeln oder Leguanen animiert. Auf Schattenbilder setzt auch der Südafrikaner William Kentridge in „More Sweetly Play the Dance“, eine Prozession von Menschen, allesamt Ausgegrenzte der Gesellschaft, die von einer Brass-Band musikalisch begleitet werden. Ein monumentales, bewegtes, theatralisches Sittengemälde von Luxus, Reichtum und Dekadenz zeichnet die russische Künstlergruppe AES+F mit „Das Gastmahl des Trimalchio“. Das Künstlerpaar Michael Bielicky und Kamila B. Richter verwandelt in Echtzeit Twitter-Nachrichten in computergenerierte Piktogramme, die von Naturkatastrophen, Krieg, Terror und anderen Bedrohungen erzählen. Viele Künstler nehmen Stellung, greifen Themen wie die Finanzkrise, Krieg, das Artensterben oder das Leben im Medienzeitalter auf. „Die Künstler sind mit ihrer Krisenfühligkeit sehr politiknah“, erklärt Manfred Schneckenburger, der die Schau mit Peter Weibel und Idis Hartmann zusammengestellt hat.Das echte, im Teich versinkende Auto schockt Im Teich am Gradierwerk droht ein reales Auto im Wasser zu versinken. Das Paar im Wagen kämpft ums Überleben. Es ist eine Projektion, aber sie ist so realistisch, dass 2011 Menschen bei der Polizei anriefen oder zur Rettung gar ins Wasser sprangen, erinnert sich die Künstlerin Claudia Wissmann. „Prime Time“ nennt sie ihre Videoskulptur, Hauptsendezeit. Wissmann hat eine Szene aus dem Sonntagabendkrimi wieder in die Realität geholt – ein Schock, der anregt, über Medien und Wirklichkeit nachzudenken. Oder über die Menschheit, der das Wasser bis zum Hals steht. Das Gradierwerk selbst hat Künstler inspiriert. So zoomt Harald Fuchs auf einen Tropfen Lauge aus der Saline und filmt dessen Tanz auf einer heißen Eisenpfanne. Klaus Obermaier „bespielt“ die Fassade des Kurmittelhauses. „Dancing House“, so der Titel, ist kein leeres Versprechen. Obermaier bringt das Haus zum Tanzen, und die Besucher helfen mit. Je heftiger ihre Verrenkungen sind, desto bewegter ist die Projektion. Mal scheint das Gebäude zu zerbröckeln, mal stößt es Lichteruptionen aus. Magisch ist auch das, was sich an einer Fontäne abspielt, die sich drei Künstler teilen. Robert Seidels abstrakte, farbenfrohe und bewegte Wasserskultpur wirkt wie ein interstellares Phänomen. Faszinierend – wie auch der Rest der Schau. Ein Lichtblick in dunklen Monaten. Info: Zu sehen bis 28. Januar. Der Eintritt ist frei. Die Projektionen an den Gradierwerken beginnen bis 15. Oktober um 20 Uhr, danach bis 28. Oktober um 19 Uhr und ab 29. Oktober um 17.30 Uhr. Fr. und sa. bis 23 Uhr, an den anderen Tagen bis 28. Oktober bis 23 Uhr, danach bis 22 Uhr. Führungen werden immer donnerstags, freitags, samstags und sonntags angeboten: 30.9. – 15.10. um 20.30 und 21 Uhr; 16.10. – 28.10. um 19.30 und 21 Uhr; 29.10. – 28. 1. um 18 und 19.30 Uhr. Eine Voranmeldung ist nicht erforderlich, 6 ð. Private Führungen können an jedem Wochentag vereinbart werden, Tel. 0 54 24/2 21 80. Ein Booklet (5 ð) gibt es am Alten Gradierwerk. www.lichtsicht-biennale.de

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