Überzeugendes Kinodebüt: Regisseur Hanno Olderdissen liegt der Kinder- und Jugendfilm sehr am Herzen. - © Foto: Horst Galuschka/Imago
Überzeugendes Kinodebüt: Regisseur Hanno Olderdissen liegt der Kinder- und Jugendfilm sehr am Herzen. | © Foto: Horst Galuschka/Imago

Kultur Von Mädchen und Pferden: Bielefelder Regisseur über seinen neuen Kinofilm

Hanno Olderdissen über seinen Kinofilm "Rock My Heart", der das Thema Mädchen und Pferd mal ganz anders angeht

Anke Groenewold

Herr Olderdissen, Ihr Kinodebüt trägt den Titel "Rock My Heart". Es ist der Name des wilden Vollbluthengstes, der der 17-jährigen, von Geburt an herzkranken, aber ebenso wilden und riskant lebenden Rebellin Jana neuen Lebensmut gibt. Sie haben mit Clemente Fernandez-Gil die Idee entwickelt und auch am Drehbuch mitgearbeitet. Warum wollten Sie diese Geschichte erzählen? Hanno Olderdissen: Unser Film ist eine Art trojanisches Pferd. Unter dem Deckmäntelchen des klassischen Mädchen-Pferde-Films erzählen wir eine Geschichte, die etwas dramatischer ist, als man das vielleicht von anderen Pferdefilmen kennt. Inwiefern ist Ihnen das Thema nah? Olderdissen: Die Leidenschaft für den Pferderennsport wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Mein Vater hatte eigene Rennpferde und ein Reitsportgeschäft. Ich bin mit Pferden aufgewachsen. Mein großer Traum als Kind war es, Jockey zu werden. Aber ich bin zu schwer geworden und habe dann intensiv Springreiten betrieben. Von daher war es naheliegend, einen Film mit Pferden zu drehen. Als Filmemacher muss man den Film natürlich auch verkaufen, und das Thema verspricht eine gewisse Kommerzialität. Außerdem ist die Welt des Galopprennsports sehr filmisch und stieß auf großes Interesse, weil das noch sehr ungesehen ist. Kam Ihnen Ihre Erfahrung mit Pferden bei den Dreharbeiten zugute? Olderdissen: Ja, ich habe einen guten Blick dafür, was realistisch ist und was nicht. Jana gewinnt das Vertrauen des Pferdes. Dessen Besitzer Paul (Dieter Hallervorden) sieht in Jana, von deren Krankheit er nichts weiß, vor allem einen Weg aus seiner Schuldenfalle. Er macht Jana fit für ein großes Galopprennen. Dieses Rennen ist - wie viele weitere Szenen mit Pferd auch - rasant und dynamisch. Olderdissen: Als Vorbild hatten mein Kameramann Sten Mende und ich die amerikanische Rennsportserie "Luck" von Michael Mann. Auch wenn wir nicht annähernd dasselbe Budget hatten, war unser Anspruch, dass die Rennsequenzen visuell packend werden. Gänsehaut erzeugt aber auch eine ganz ruhige Szene. Jana bittet ihr Pferd um Verzeihung. Wie das Tier langsam den Kopf dreht und sie anschaut, ist sehr beeindruckend. Olderdissen: Manchmal bekommt man beim Drehen mit Tieren oder Kindern Geschenke. Oft sind Dreharbeiten ja von Zeitdruck oder von Kompromissen zwischen Anspruch und Machbarkeit geprägt. Aber das war schon beim Drehen ein magischer Moment. Das Schwierige ist, dass Pferde bis auf das Ohrenspiel und das Spiel der Nüstern keine Mimik haben. In den dialogischen Szenen zwischen der Protagonistin und dem Pferd sind daher der Bildaufbau und die Montage sehr wichtig. Ist es Zufall oder Absicht, dass sowohl in Ihrem Kurzfilm "Robin" als auch in "Rock My Heart" junge Menschen in einer bedrohlichen existenziellen Situation stecken? Olderdissen: Das ist Zufall, aber ich möchte Geschichten erzählen, die emotional sind. Beide Drehbücher sind von Clemente Fernandez-Gil. Es ist sein Talent, Konstellationen herbeizuführen, die dramatisches Potenzial haben. Die Grundkonstellation bei "Rock My Heart" ist klassisch, aber er hat in den Details Wege gefunden, mit denen wir uns von den Strukturen des Pferdefilms absetzen, etwa mit Janas lebensbedrohlicher Herzkrankheit. Es ist eben nicht nur ein reiner Coming-of-Age-Mädchen-Pferdefilm, sondern hat eine existenziellere Fragestellung, die auch Leute ansprechen kann, die nicht pferdeaffin sind. Der Film soll einen abholen und unterhalten und trotzdem eine Botschaft und Tiefgang haben. Wie fiel die Wahl auf Lena Klenke ("Fack ju Göhte")? Olderdissen: Lena war ein absolutes Geschenk für den Film, weil sie sehr naturalistisch spielt. Sie verkörpert den Charakter einfach. Sie ist eine tolle Schauspielerin und ein toller Mensch. Ich bin sicher, dass man noch einiges von ihr sehen wird. Die Dynamik zwischen ihr und dem 81-jährigen Dieter Hallervorden ist ungewöhnlich. Olderdissen: Es sollte ein wenig negatives Potenzial in der Beziehung sein, denn lange Zeit geht es Paul, der ein ganz schöner Stinkstiefel sein kann, gar nicht um das Mädchen. Uns war wichtig, dass es ein bisschen kantig bleibt und nicht alle nur sympathisch sind. Ihre Karriere nimmt Fahrt auf. Sie haben im Sommer "Wendy 2" abgedreht, ein klassischer Mädchen-Pferde-Film, dessen erster Teil sehr erfolgreich war. Haben Sie keine Angst, festgelegt zu werden? Olderdissen: Es ist schön, dass ich weiter im Kino arbeiten kann, wo mehr Zeit und Geld ist als beim Fernsehen. Aber ich möchte nicht die nächsten 20 Jahre Pferdefilme drehen. Ich arbeitete gerade mit Clemente Fernandez-Gil an einer Tragikomödie ohne Pferde und Kinder. Mal sehen, wohin die Reise geht. Aber das Genre Kinder- und Jugendfilm liegt mir weiterhin sehr am Herzen. Warum? Olderdissen: Das Publikum ist toll. Zu erleben, wie beim Test-Screening von "Rock My Heart" 500 hauptsächlich junge Mädchen mitgehen, Feedback geben, kommentieren, reinrufen, ist toll. Ich habe selbst zwei Töchter im besten Wendy-Alter, von daher ist das für mich spannend, für sie einen Film zu machen, den sie sich angucken können. Warum arbeiten Sie gern mit Kindern? Olderdissen: Kinder können einen in Momenten absoluter Purheit total verzaubern, und ihre Gesichter haben eine große Strahlkraft auf der Leinwand. Mit ihnen zu arbeiten, ist sehr direkt und freundschaftlich. Außerdem muss man sei Kindern sehr einfallsreich und flexibel sein, muss sich Gleichungen, Parabeln, Bilder einfallen lassen, damit sie verstehen, was man meint. Kinder schulen einen, einfache, emotionale, klare Regieanweisungen zu geben. Das ist auch für die Arbeit mit Erwachsenen hilfreich.

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