Annäherung: Peter (Mohammad Osman) liest, Anne (Joana Damberg) sorgt für Beleuchtung im nächtlichen Hinterhaus. Foto: Chr. Weische - © Christian Weische
Annäherung: Peter (Mohammad Osman) liest, Anne (Joana Damberg) sorgt für Beleuchtung im nächtlichen Hinterhaus. Foto: Chr. Weische | © Christian Weische

Premiere Intensives Zwei-Personen-Stück um Anne Frank

Lebensmut in tragischen Zeiten

Bielefeld. Die mal schwungvolle, mal Klarinetten-lastige Klezmermusik täuscht über den Ernst der Lage hinweg: die Jüdin Anne Frank (Joana Damberg) und ihr Mitbewohner Peter (Mohammad Osman), der ihr ein Freund wird, leben mit ihren Familien im Untergrund. Im Amsterdamer Hinterhaus führen sie ein isoliertes Leben, ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne die Farben und Gerüche der Natur, dafür in der Enge, die zu Konflikten führt. Ganz zu schweigen von der stets präsenten Angst, von den Nazis entdeckt zu werden. Anne Franks Tagebuch gibt bis heute Auskunft darüber, wie der Mensch mit solch traumatischer Situation fertig werden kann. Es sprüht vor unbändigem Lebenswillen und der Hoffnung auf bessere Zeiten. Es ist das Verdienst der intensiv aufspielenden Darsteller in der Alarmtheater-Inszenierung „Geschichten aus dem Hinterhaus – Anne Frank war nicht allein“, die Gratwanderung zwischen der Lebensfreude zweier Teenager, den alltäglichen Konflikten in einer klaustrophobischen Wohnsituation und dem alles grundierenden Horror von Rassengesetzen und Judenverfolgung auf vielfältige Weise zu bewältigen. Am Donnerstag hatte ein Stück Premiere, das bereits vor 20 Jahren von und mit den Gründern des Alarmtheaters auf die Bühne gebracht worden war. Dieses Mal führten Dietlind Budde und Harald Otto Schmid „nur“ Regie und genossen sichtlich die frische Umsetzung des alten Stoffs. Zumal dem Thema durch Herkunft und Fluchterfahrung des erst vor drei Jahren nach Deutschland geflüchteten Syrers Mohammad Osman (19) noch eine aktuelle Nuance hinzugefügt wird. Osman beeindruckt durch variantenreiches, konzentriertes Spiel, eine fast akzentfreie Rezitation und ausdrucksstarken freien Vortrag. Die Geschichte, die sich vollständig um die Beziehung der beiden jungen Leute im Versteck dreht, haben die Regisseure als Collage angelegt. Zu sehen ist Peter, wie er die menschenverachtenden Rassengesetze der Nazis vorträgt.Ein Skelett im Koffer, Wie er mit Anne über die alltägliche Aufgabenverteilung streitet, wie er aus ihrem Tagebuch vorliest, gemeinsam mit ihr Zukunftspläne schmiedet. Und eine Anne, die temperamentvoll und immer in Bewegung ihre Kritik an den Geschlechterrollen, ihre ungeschminkte Sicht der Realität und zugleich ihre Träume mit Peter bespricht und manchmal lautstark aushandelt. Es gibt turbulente Szenen, wenn sich die Zwei um die Nutzungszeit des einziges Schreibtischs streiten, wenn sie auf ihren rollenden Stühlen umherrasen. Und es gibt zarte, berührende Momente, wenn die Romantik ins karge Hinterhaus einzieht, etwa wenn die beiden Tango tanzen. Es schnürt die Kehle zu, wenn Anne mit dem bunt bemalten Skelett aus ihrem Koffer den bevorstehenden Untergang beschwört, ein jiddisches Klagelied anstimmt oder die Puppen am Fensterkreuz der Tür freilegt, die ihre längst in KZs verschleppten Freunde repräsentieren. Regieeinfälle wie diese finden für die altbekannte Geschichte eine neue Sprache, übersetzen das Grauen in eine rein visuelle Dimension. Am Ende sind historische Bilder der realen Personen zu sehen, nicht zuletzt das weltbekannte Porträt der Anne Frank, das die Zeit überdauert hat. Viel herzlicher Applaus für beachtliche schauspielerische Leistungen und eine schlüssige Inszenierung. ´?Weitere Vorstellungen: 16., 22., 24. September, 20 Uhr. Kartentel.: (0521) 1378 09.

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