Traumhaus am Hang: Diese Sichtbetonvilla des Büros architektur.terminal steht im österreichischen Götzis. - © Foto: Bruno Klomfar
Traumhaus am Hang: Diese Sichtbetonvilla des Büros architektur.terminal steht im österreichischen Götzis. | © Foto: Bruno Klomfar

Kultur Gar nicht trist und hässlich: Über die Faszination des Baustoffs Beton

Interview: Andreas Vetter stellt in einem neuen Buch 30 richtungsweisende Einfamilienhäuser aus Sichtbeton vor

Anke Groenewold

Herr Vetter, Beton gilt als trist, der „Betonklotz" als Gipfel der Hässlichkeit. Ändert sich das Image? Andreas Vetter: Der Beton kam in Verruf, weil man in den 60er Jahren sehr viel Masse gebaut hat, zum Beispiel Schulen und Verwaltungsgebäude. Auch in Altstädten hat man Bereiche ignorant neu bebaut. Doch schon in den 60er Jahren gab es wunderschöne Einfamilienhäuser aus Beton, die sehr hochwertig geplant waren. Zum Beispiel? Vetter: Einer der großen Entwickler des Sichtbetons ist Le Corbusier mit einer Ästhetik, die sich „béton brut" nennt. Das ist ein rauer Beton, der primitiv geschalt wird, so dass man den Abdruck der Schalungsbretter und Holzstückchen sieht. Le Corbusier hat das mit anderen Bau- und Werkstoffen kombiniert und eine ganz neue Ästhetik entwickelt. Plötzlich merkte man, dass der Beton auch einen natürlichen Aspekt hat, denn er besteht aus Wasser, Sand, Kies, Kalkstein und vielleicht noch ein paar Zuschlagstoffen. Was reizt Sie an diesen Sichtbeton-Häusern? Vetter: Der große Reiz ist für mich, dass das Baumaterial originär erfahrbar ist – wie bei einem Blockhaus, bei dem die Holzstämme auch außen und innen das Material zeigen, aus dem das Haus gebaut ist. Das ist faszinierend. Auch beim Betonhaus besteht die Kür darin, dass das Baumaterial außen und innen zu sehen ist und dabei hohe Qualitäten aufweist wie einen positiven Einfluss auf das Raumklima und Dichtigkeit. In einem guten Sichtbetonhaus müssen Sie keine Bilder aufhängen oder Tapeten anbringen. Das Schöne am Beton ist, dass er wie Holz natürlich altert. Er bekommt eine Patina. Nach welchen Kriterien haben Sie die 30 Häuser aus dem deutschsprachigen Raum ausgewählt? Vetter: Das Buch zeigt anspruchsvolle, hochwertige Architektur, die den Beton als Baustoff zelebriert. Die Architekten und Betonbauer haben sehr viel Mühe investiert, um den Baustoff so korrekt wie möglich auszuführen und abzustimmen mit Fenstern, Türen und Geländern. Sie geben den Bewohnern eine wunderbare Ästhetik, die sie gar nicht mehr antasten müssen. Im Buch stelle ich zum Beispiel ein Haus nördlich des Bodensees vor, das modern ist, aber zum Gelände passt. Es gibt dort viel Kalkstein im Boden, dementsprechend rau tritt das Haus außen auf. Innen hat die Familie viel Holz verbaut, und man kommt sich fast ein bisschen vor wie in der Natur: Stein und Baum. Sie zeigen sogar ein Ferienhaus. Vetter: Die Häuser im Buch gehören zu den teureren, sind aber keine Luxusgebäude. Die Ästhetik ist perfekt, und wenn man etwas Perfektes machen will, muss man Zeit und Kompetenz investieren. Das Buch soll zeigen, was man mit einer guten Architektur und guten Architekten machen kann. Man muss nicht das Standardhaus aus dem Katalog nehmen. Setzt das spezialisierte Architekten voraus? Vetter: Nein, nur gute. Aber es gibt Kompetenzschwerpunkte und Büros, die gerne damit bauen. Dann gibt es andere, die sich gerade in Richtung Holz neu ausrichten. Das ist das nächste Material, das spannend wird, gerade im mehrgeschossigen Bau. Aber es hat einen ganz anderen Charakter. In Deutschland hat man es gern solide und möchte das Gefühl haben, dass man sicher ist. Beton hat den großen Vorteil, dass es die höchste Brandsicherheit hat. Was spricht noch für Beton? Vetter: Es ist ein innovativer, zukunftsfähiger und nachhaltiger Baustoff. Wenn man ihn ökonomisch und anspruchsvoll einsetzt, ist er ideal. Für den Beton sprechen der Wärmeschutz und die Stabilität. Die Wärmeleitfähigkeitist gering, aber dafür haben Sie die Dämmfähigkeit. Sie können fertig vorbauen und auf der Baustelle montieren. Sie können es wunderbar rezyklieren und plastisch formen. Plastisch formen? Vetter: Ja, da der Beton gießbar und in der Statik berechenbar ist, kann man in alle Richtungen bauen und damit spielen. Unsere Studenten haben zum Beispiel Möbel mit in Zement eingelegten Textilien gestaltet. Es ist interessant, wie unterschiedlich die Häuser in Charakter und Wirkung sind. Es gibt trutzige und elegante, und der Blick ins Innere überrascht oft. Vetter: Die Raumwirkungen sind im Inneren oft ganz anders als vermutet. Es gibt zum Beispiel ein Haus, das nach außen bunkermäßig aussieht, aber drei Innenhöfe und damit sehr viel Licht hat. Das ist schnell gebaut und kein besonders teures Haus. Verblüffend ist auch, wie unterschiedlich die Oberfläche des Sichtbetons ausfallen kann. Vetter: Die Art und Weise, wie mit der Schalung umgegangen wird, zeigt die Kompetenz und Sorgfalt, aber auch den Stil der Architektur. Bei einem Haus wurde der Beton gegossen und dann mit dem Meißel wieder leicht angeschlagen. Das ist zeitaufwendig, der Beton brüskiert aber weniger, weil seine Oberfläche weicher, samtiger oder rauer ist und damit ländlicher wirkt. Ankerlöcher oder Grate werden zu dekorativen, gliedernden Elementen. Verzogene Linien erzeugen eine skulpturale Spannung. Bei einem Haus wurden die Holzlatten der Schalung nach hinten und vorn versetzt. Diese Wand ist ein plastisches Kunstwerk. Muss Beton zwingend grau sein? Vetter: Nein. Durch bestimmte Zuschlagstoffe wird er rötlich, gelblich oder schwärzlich. Es gibt sogar Beton, der dank eingebetteter Fasern lichtdurchlässig ist. Was sind Nachteile des Betons? Vetter: Da es sich bei Betonhäusern um Massivbau handelt, geht mit Stabilität und Masse auch ein hohes Eigengewicht der primären Bauteile wie der Wände einher. Man kann also später einmal nicht einfach eine Wand versetzen. Deshalb braucht es eine intelligente und sorgfältige Vorplanung. Wie lange gibt es Beton schon? Vetter: Die Technologie ist schon 3.000 Jahre alt. Die Römer haben sie perfektioniert, dann ist sie untergegangen. Im 18. Jahrhundert wurde sie wiederentdeckt, im 19. Jahrhundert fing man an, damit zu experimentieren, im 20. Jahrhundert ging es richtig los. Wir haben hier an der Hochschule auch einen Bereich für Betonbaustoffforschung. Die Technologie endet nicht.

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