Preisträgerin: Doreen Nixdorf beim Festlichen Auftakt der Theater- und Konzertfreunde in der Oetkerhalle. Foto: Christian Weische - © Christian Weische
Preisträgerin: Doreen Nixdorf beim Festlichen Auftakt der Theater- und Konzertfreunde in der Oetkerhalle. Foto: Christian Weische | © Christian Weische

Kultur „Kunst kann und darf nicht effizient sein“

Rede: Schauspielerin Doreen Nixdorf ist von den Theater- und Konzertfreunden am Samstag mit dem Schauspieltaler ausgezeichnet worden. Wir dokumentieren ihre Preisrede, in der sie sich kritisch mit den immer enger werdenden Gestaltungsspielräumen am Theater auseinandersetzt

Doreen Nixdorf

„Wow, da bekomme ich also das erste Mal im Leben einen öffentlichen Preis und darf mir aussuchen, worauf ich Ihre Aufmerksamkeit lenken will. Spielen? Reden? Eine Aktion? Naja, ich nehme an, die Mehrzahl von Ihnen hat mich schon spielen sehen oder entschließt sich vielleicht, demnächst mal zu überprüfen, was die Preisträgerin denn so Preiswürdiges draufhaben soll, also: Ich möchte nichts weniger als mit Ihnen zusammen die Dominanz der Effizienz aushebeln. Effizienz ist an vielen Stellen sehr hilfreich – und auch ich habe oft großes Vergnügen daran, exakt und schnell zu sein (Sie haben mich noch nicht Crêpes backen sehen), aber Effizienz lässt sich nicht ins Unendliche steigern und vor allem nicht überall anwenden. Es gibt Grenzen. Das müssen wir aushalten. "Wie wollen wir aus dem Vollen schöpfen, wenn wir auf dem letzten Loch pfeifen?" Stellen wir uns zum Beispiel mal vor, wir hätten ein Theater, und die Leute rennen uns die Bude ein – also wir spielen jeden Abend und sind jeden Abend ausverkauft. Ich bin sicher, sogar dann käme wieder eines Tages die Effizienzsteigerungsforderung um die Ecke. Klar, wir könnten enger bestuhlen, dann passen mehr Leute in eine Reihe, wir können auch statt nur Sitzplätze noch zusätzlich Schoßplätze verkaufen oder aber gleich Familienstapel pro Sessel – nein, nein, das ist gar nicht so unbequem, wie es klingt, denn wir würden andererseits natürlich auch schneller spielen: In 45 Minuten lässt sich doch genügend Theater unterbringen, das hätte auch den Vorteil, dass wir mehr als eine Vorstellung pro Abend spielen könnten, ach was – in einen Acht-Stunden-Arbeitstag passen dann ja locker acht Vorstellungen hintereinander! Mit ein bisschen Kreativität würde das schon gehen! Wir sind doch am Theater. Im Ernst, ich bitte Sie, wann immer Sie können, reden Sie mit den Entscheidern im Stadtrat oder auf anderer Ebene. Kunst ist nicht effizient, Kunst kann und darf nicht effizient sein. Ihnen brauche ich das nicht zu erzählen, Sie wissen das längst, also: erzählen Sie es weiter, immer wieder. Denn (und ich weiß, ich mache mich gerade unbeliebt, schließlich soll heute Abend gefeiert werden) es ist leider keine Frage mehr, ob unsere immer dünner ausgerollte Personaldecke wohl halten wird, sondern nur noch, wann sie reißt. Und diese verdammte Situation wird sich vermutlich auch nicht ändern, solange wir nicht aufhören, alle Arbeitsplätze und Institutionen und Tätigkeiten vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer Effizienz zu betrachten. Wie wollen wir aus dem Vollen schöpfen, wenn wir aus dem letzten Loch pfeifen? Es geht mir als Gegensatz zur Effizienz nicht um Verschwendung, das ist ein großer Unterschied! Mit Abwesenheit von Effizienz meine ich den Verzicht darauf, immer mehr zu schaffen beziehungsweise immer günstiger werden zu müssen, es geht um den Verzicht darauf, zu gewinnen, und stattdessen: einander zu inspirieren, unsere Routinen zu unterbrechen, den Blick vom Tellerrand zu heben und die eigene Wahrnehmung zu erweitern, sich nicht immer so rasch festzulegen, sondern auch andere Perspektiven wenigstens mal auszuprobieren! Also zum Beispiel warum ärgern, wenn es in der Schlange länger dauert, warum die Zeit nicht nutzen, um etwas in der Umgebung zu entdecken. Wobei auch „nutzen“ schon wieder so nach Leistung klingt. Also vielleicht besser: die Chance ergreifen, müßig rumzustehen, sich lustvoll zu langweilen, Nutzloses zu denken, Details wahrzunehmen, die uns sonst entgehen und uns vielleicht auf eine Idee bringen (auch das passiert natürlich nicht jedes Mal), oder einfach zu beginnen, mit den Dingen zu spielen. Ich glaube, erst wenn das Spielen und die zugehörige Muße im Alltag wieder einen Stellenwert wie die Effizienz bekommen, wird keiner mehr auf die Idee kommen, Theater als überflüssigen Luxus zu betrachten. Schaffen wir uns also alltägliche Inseln, die für die Effizienz unerreichbar sind, weil auf ihnen Muße und Neugier herrschen! Und seien wir damit ansteckend. Lassen Sie uns wilde Gespräche führen, und erlauben wir uns Unsinn! Immer wieder. Spielen wir miteinander und fordern wir uns heraus! Ich meine: Wollen Sie im Theater wirklich vor allem wohlsortierte Szenen sehen, die Sie ein wenig von Ihrem Alltag ablenken, und auf Ihren Sitzen schlummernd hin und wieder denken: ,Jaa, das hab’ ich mir doch gedacht’? Oder wollen Sie nicht eigentlich überrascht werden und Entdeckungen machen? Auch auf die Gefahr hin, dass nicht jede Überraschung und Entdeckung angenehm ist! Ja, es ist vielleicht sogar störend, manchmal schmerzhaft, die eigene Sicht auf die Welt ändern oder wenigstens überprüfen zu sollen, zumal wenn uns diese Sicht doch bisher recht erfolgreich durchs Leben gebracht hat. Es ist ja nicht so, dass wir es jeden Abend schaffen würden, Ihnen Offenbarungen zu liefern, aber den Anspruch, Sie ein bisschen durcheinander zu bringen, habe ich durchaus. Und lachen Sie mich aus, aber ich glaube fest daran: Sobald die kritische Masse erreicht ist, also sobald es genügend Leute gibt, die sich im Alltag auch einen gewissen Unsinn leisten, wird die Lebensfreude ins Unermessliche steigen, und alle werden glücklicher. Ja! Ja! Weil mehr Humor auftaucht, weil wir uns darin üben, Alternativen zu sehen, wenn etwas schief läuft, und weil wir die Unterschiede unserer Ansichten und Wünsche aushalten und vielleicht sogar inspirierend finden. "Unterbrechen wir die Mühlen der Effizienz und entdecken den Reichtum unserer Welt!" Um diese kritische Masse zu erreichen, sind wir dabei, etwas vorzubereiten. Noch basteln wir am Format: Wird es eine Website, eine App oder ein Blog? Aber der Plan wäre, jede Woche ein paar kleine Anleitungen zu verbreiten, um Ihre Gedanken auf Umwege zu schicken und mit den Dingen im Alltag spielerisch umzugehen – der Effizienz eben ihre Dominanz abzutrotzen. Wir wissen noch nicht genau, wann es startet, aber Sie können ja nachher schon mal etwas ausprobieren: Falls Sie mit dem Auto hier sind und es mit einem Pieper öffnen, piepsen Sie es einfach noch mal zu und wieder auf und zu und auf und zu und auf und zu! Vielleicht ergibt sich ja ein Rhythmus, oder jemand anderes in der Nähe piepst mit Ihnen mit – wer weiß, was sich ergibt? Unterbrechen wir die Mühlen der Effizienz und entdecken den Reichtum unserer Welt! Vielen Dank.“

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