Verführung zum Rausch: Die Bullshit-Bären, gespielt von Benedikt Ivo und Katharina Schutza, bringen die Bewohner der Avenue Q auf dumme Ideen. Foto: Sarah Jonek - © Sarah Jonek
Verführung zum Rausch: Die Bullshit-Bären, gespielt von Benedikt Ivo und Katharina Schutza, bringen die Bewohner der Avenue Q auf dumme Ideen. Foto: Sarah Jonek | © Sarah Jonek

Kultur Frecher Puppenspaß mit "Avenue Q"

Premiere: Das Bielefelder Theater startet mit dem Musical von Robert Lopez und Jeff Marx die neue Spielzeit. Das Publikum feierte Ensemble und Regie-Team

Bielefeld. „Jim Henson Company und Sesame Workshop sind nicht verantwortlich für den Inhalt dieses Musicals.“ So steht es im Programmheft zum Puppenmusical „Avenue Q“ und in den Aushängen des Theaters. Das hat die Wirkung von Stickern auf CDs, die vor expliziten Songtexten warnen und damit natürlich erst recht neugierig machen. Explizites gibt es satt in dem US-Musical „Avenue Q“. Mit dieser Puppenshow für Erwachsene startet das Bielefelder Theater laut, frech und witzig in die Spielzeit. Das Premierenpublikum war begeistert von der lustvoll vulgären, überdrehten Charme-Attacke. „Avenue Q“ ist ein kurzweiliger Abend über eine Gruppe junger Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, die sich wegen ihrer prekären Lebensumstände nur eine Wohnung in der schäbigen Avenue Q leisten können und ihre Probleme besingen: Rassismus, Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Einsamkeit, Sexualität, Beziehungsstress. Themen, die musikalisch und komödiantisch als politisch unkorrekt lehrreiche Sesamstraßen-Parodie auf die leichte Schulter genommen werden („Jeder ist ein bisschen rassistisch“). Daran kann und darf man sich reiben. Ebenso daran, dass „Avenue Q“ in vielerlei Hinsicht den Musical-Konventionen verhaftet bleibt. Die Bewohner der Straße sind von drei Ausnahmen abgesehen Klappmaulpuppen ohne Mimik und Unterleib. Sie bringen Farbe ins turbulente Spiel – die Darsteller, die sie führen, sind dunkel gekleidet. Der Blick der Zuschauer wird auf die Puppen gelenkt, sie sind die Hauptdarsteller. Perfekt ist die Illusion aber erst, wenn Bewegung und Gestik der Puppen so geschmeidig, rhythmisch und natürlich sind, dass man als Zuschauer nicht wahrnimmt, dass die Illusion erst aufwendig hergestellt werden muss. Dem Ensemble glückt die Magie. Es lohnt sich aber, zwischendurch den Blick von den Puppen zu lösen, um zu erkennen, wie anspruchsvoll diese Kunst ist. Zum Beispiel wenn zwei Spieler eine Puppe bewegen, was nur gelingt, wenn sie perfekt synchron über die Bühne gleiten.Großer Spieltrieb und musikalischer Schwung Regisseur Nick Westbrock und Choreografin Michaela Duhme, die selbst auch als Darstellerin auf der Bühne steht, haben mit dem Ensemble so fein und präzise gearbeitet, dass der dynamische, fließende Tanz der Puppen an sich schon hohen Schauwert bietet. Großer Spieltrieb, Spaß am Überzeichnen der klischeehaften Figuren und musikalischer Schwung prägen die Inszenierung, die das Theater für Zuschauer ab 16 Jahren empfiehlt. Verblüffend: Die Produktion sieht groß aus, tatsächlich treten aber „nur“ acht Darsteller auf, von denen die meisten mehrere Rollen verkörpern. Thomas Klotz rührt das Herz mit zwei Figuren: mit dem nach seiner Bestimmung suchenden Princeton sowie mit Rod, der seine Homosexualität unterdrückt, und den Klotz effektiv mit gepresster Stimme charakterisiert. Stefanie Köhm verkörpert in ihrer dritten „Avenue Q“-Produktion zuckersüß die reizende Kindergärtnerin Kate Monster, die kein Single mehr sein möchte. Für Lacher sorgt die lange Puppensexszene zwischen Kate und Princeton. Sex beherrscht das Leben von Trekkie Monster („Das Internet ist für Pornos“), dessen Triebhaftigkeit Benedikt Ivo markant ausspielt. Ivo spielt zudem Rods chaotischen Mitbewohner Nicky. Michaela Duhme hat viele Aufgaben auf der Bühne. Unvergesslich ist sie als laszive und aggressiv anzügliche Blondine Lucy D. Schlampe, die Princeton den Kopf verdreht. Katharina Schutza spielt virtuos wendig und rotzig die Bullshit-Bären, zwei Unheil stiftende Teufelchen. Drei Darsteller treten ohne Puppen auf. Anna Mari Takenaka hat einen resoluten Auftritt als Therapeutin Christmas Eve, Martin Christoph Rönnebeck überzeugt als ihr kumpelhafter Freund Brian, der von einer Karriere als Komiker träumt. Den Hausmeister der guten Laune, Daniel Küblböck, spielt Norbert Kohler. Einen wesentlichen Anteil am Gelingen des Abends hat die kleine, aber feine Band unter Leitung von William Ward Murta. Sie bringt maximalen Schwung in die gefällige, schmissige Gute-Laune-Musik. ´? Die nächsten Aufführungen sind am 17., 22., 23. September, 1., 6. und 21. Oktober, Kartentel. (05 21) 55 54 44.

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