Elvis Presley - der immerwährende King

40. Todestag: Fans aus aller Welt verwandeln die Stadt Memphis eine Woche lang in das Lourdes des Rock’n’Roll

Thomas Klingebiel

Kultur Das Begräbnis war standesgemäß. Der Trauerzug zum Forrest Hill Cemetery in Memphis bestand aus 49 Limousinen, angeführt von einem silberfarbenen Cadillac, einer Eskorte aus Polizei-Motorrädern, dem weißen Leichenwagen und 17 weißen Cadillacs. Zigtausend Menschen standen am 18. August 1977 entlang der Strecke vom Anwesen Graceland zum Friedhof, wo Elvis Presley neben seiner Mutter Gladys seine vorletzte Ruhestätte fand. Tage später versuchten Grabdiebe, Elvis’ Leichnam zu stehlen. Am 2. Oktober wurden die sterblichen Überreste des King of Rock’n’Roll und seiner Mutter in den Meditation Garden von Graceland überführt. Ihre Gräber dort – auch Elvis’ Großmutter und sein Vater sind inzwischen neben ihm beerdigt – sind in diesen Tagen das Ziel von noch mehr Fans aus aller Welt als sonst. Lichter schwenkend und mit einem Blumenmeer gedenken die Pilger ihres Idols und machen Memphis zum Lourdes des Rock’n’Roll. Im Zentrum des Kults stehen neben Graceland das „Sun“-Studio, in dem Elvis mit Rock’n’Roll-Visionär Sam Phillips ab 1954 seine ersten Platten aufnahm, und die Wohnung in der „Lauderdale Courts“-Siedlung, wo er anfangs mit seinen Eltern lebte. Pflicht ist auch ein Peanut-Butter’n’Banana-Sandwich im „Arcade Restaurant“, Elvis’ Lieblings-Diner. Den Höhepunkt des jährlichen Gedenkens bildet stets die Kerzenwache („Candlelight Vigil“) vor dem Graceland-Tor am 15. August, dem Vorabend von Elvis’ Todestag. Viele machen auch noch einen Abstecher zum Geburtsort Tupelo, zwei Autostunden entfernt im Nachbarstaat Mississippi.»Ein Traum, den wir dann allegeträumt haben« Als Ginger Alden, die letzte Frau an Elvis’ Seite, den 42-Jährigen am 16. August 1977 leblos auf dem Boden seines Badezimmers in Graceland findet, mag Elvis Presley gestorben sein – Herzversagen nach jahrelangem Medikamentenmissbrauch. Sein Mythos ist jedoch lebendiger denn je. „Vor Elvis war gar nichts. Er war meine Religion“, bekannte John Lennon bereits 1964, dem Jahr der ersten US-Tour der Beatles. Bob Dylan, James Brown, Mick Jagger, David Bowie, Elton John, Bono – alle zollten ihm Anerkennung als Pionier und Wegweiser. „Es war, als hätte er jedem von uns einen Traum ins Ohr geflüstert, den wir dann alle geträumt haben“, sagte Bruce Springsteen einmal. Elvis definierte als erster das Rockstar-Sein – Frisur, Mode, Schmuck, Luxusvilla und Privatjet inklusive. Musikalisch waren alle Bestandteile seines Erfolgs längst vorhanden. Doch was er auf seine Weise aus Gospel, Country und Rhythm’n’Blues machte, war neu. Neben der verlockenden Stimme und dem frischen Groove des Rock’n’Roll war es seine sexuell aufgeladene Performance, die das junge weiße Publikum hinriss. Später sollte er seine Show zu einer Art messianischem Weihespiel samt Schweißtuch-Verteilung aufblasen. In der Rückschau hat er damit die Rock-Generationen nach ihm wohl mehr geprägt als mit seiner Musik. Den Hüftschwung und die Tanzschritte schaute sich Elvis als Teenager bei seinen schwarzen R’n’B-Idolen in den Clubs an der Beale Street ab. Er wuchs im US-Süden inmitten der schwarzen Kultur auf und war fasziniert von ihr. Gelegentlich heißt es, er habe den Rock’n’Roll den Schwarzen gestohlen und das große Geld damit gemacht. Doch Rock’n’Roll-Urvater Chuck Berry, in dieser Angelegenheit gewiss kein duldsamer Zeitgenosse, tat das nie. Der Vater und der König des Rock’n’Roll respektierten sich gegenseitig. Die Blaupause für den tragischen Absturz lieferte Elvis auch gleich mit. Sein undurchsichtiger Manager Colonel Tom Parker machte ihn – und sich selbst – reich, aber er hemmte die künstlerische Entwicklung des Sängers. Elvis steuerte auf eine Leere zu, die ihn als vereinsamte, übergewichtige und tablettensüchtige Karikatur seiner selbst enden ließ. Nur gelegentlich setzte er dem Colonel Grenzen und entwickelte dann ungeahnte Kreativkraft – siehe sein Comeback-TV-Special von 1968 und das 1969 veröffentlichte Album „From Elvis in Memphis“, sein bestes. In seinen letzten Jahren igelte sich Elvis in seinem goldenen Käfig Graceland ein. Seine Scheidung von Jugendliebe Priscilla und ein Skandalbuch zweier ehemaliger Vertrauter setzten ihm schwer zu. Offenbar gab es in seiner Umgebung niemanden, der ihn von seinem selbstzerstörerischen Kurs abzubringen versuchte. Vermutlich fehlte es Elvis auch an Einsicht. Der King of Pop, Michael Jackson, und viele andere gingen später denselben traurigen Weg.Hommagen: In Gillian G. Gaars Neuerscheinung „Elvis – Die Legende“ halten sich Bilder (teils zuvor unveröffentlichte aus dem Familienarchiv) und Text in etwa die Waage (Hannibal, 192 S., 29,99 Euro) Die schönsten Elvis-Foto-Ikonen enthält das Bändchen „Elvis Presley. Wo waren Sie, als Elvis starb?“. Dazu gibt es Lester Bangs legendären Nachruf. (Schirmer/Mosel, 120 S., 7,95 Euro) Die Musical-Biografie „Elvis – Das Musical“ kommt nach dem umjubelten Gastspiel 2016 am 17. Februar 2018 erneut nach Bielefeld (Stadthalle). Mit dabei: Elvis-Weggefährte Ed Enoch (75) und „The Stamps Quartet“. (tom)

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