Entspannte Verleihung: Filmemacher Christian Petzold (v. r.) lässt sich von Thomas Sterthoff (Volksbank Bielefeld-Gütersloh), der Jury-Vorsitzenden Christiane Heuwinkel, Rechtsanwalt Jost Streitbörger und Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen feiern. Foto: Barbara Franke - © Barbara Franke
Entspannte Verleihung: Filmemacher Christian Petzold (v. r.) lässt sich von Thomas Sterthoff (Volksbank Bielefeld-Gütersloh), der Jury-Vorsitzenden Christiane Heuwinkel, Rechtsanwalt Jost Streitbörger und Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen feiern. Foto: Barbara Franke | © Barbara Franke

Kultur Murnaupreis an Christian Petzold verliehen

Der Autorenfilmer (56, „Phoenix“) unterbrach seine Dreharbeiten für die Zeremonie im Bielefelder Theater am Alten Markt. Die Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert

Bielefeld. In der Nacht hatte Christian Petzold noch in Frankreich gedreht, gestern am Morgen sprang er in den Flieger, um nachmittags in Bielefeld den Murnau-Filmpreis entgegenzunehmen. Heute muss er schnell zurück nach Marseille, wo er seinen neuen Film dreht: „Transit“, basierend auf dem gleichnamigen Buch von Anna Seghers. Petzold überträgt ihr Werk in die heutige Zeit und vergleicht die Situation der Flüchtenden im Jahr 1940 mit der derzeitigen politischen Situation. Er habe schweres Lampenfieber, gesteht der 56-jährige Filmautor und -regisseur, der mit seiner Frau Aysun Bademsoy angereist ist, vor der Verleihung. Später auf der Bühne ist davon wenig zu spüren. Locker erzählt er von einer Kindheit ohne Kino in Haan bei Düsseldorf und wie er als Jugendlicher viel über das Kino gelesen hat, darunter auch Lotte Eisners Murnau-Biografie. Und er berichtet davon, wie er 2002 mit seinen Kindern eine Folge der Zeichentrickserie „SpongeBob“ angeschaut hat, in die eine Sequenz aus Murnaus „Nosferatu“ hineingeschnitten war, die seinen Kindern Angst gemacht habe. „Was für ein großartiger Film“, sagt er über den Vampir-Klassiker. Sein Lieblingsfilm von Murnau ist allerdings „Sunrise“.Der Anruf der Jury kam im Urlaub in der Türkei Murnau starb 1931 bei einem Autounfall in Kalifornien. Petzold bedauert, dass Murnau keinen Tonfilm mehr drehen konnte. „Das wäre kein Theater mit vielen Dialogen geworden“, glaubt er, „Murnau hätte den Ton behandelt wie die Kamera das Bild behandelt hat.“ Die frohe Botschaft, dass er den mit 10.000 Euro dotierten 10. Bielefelder Murnau-Preis bekommt, erhielt Petzold vor einem Jahr, als er mit seiner Familie Urlaub in der Türkei machte. „Da war es noch nicht ganz das Land, das es heute ist.“ Sie waren gerade am Hotel angekommen. Ein Schock. „Es sah aus wie Tschernobyl am Meer“, sagt Petzold und erinnert sich, dass an dem Hotel ein Bild von Atatürk hing, auf dem er ausgesehen habe wie ein Stummfilmstar. Das Hotel war bereits bezahlt, die Reisekasse leer. In dem Moment kam der Anruf von der Murnaupreis-Jury. „Wir sind dann gleich ins nächste Luxushotel“, sagt Petzold lachend. Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen betonte, dass Petzold in seinen Filmen wie seinerzeit Murnau die menschliche Seele sichtbar machen wolle. Und gab den Anstoß zu einem witzigen Dialog, denn Clausen glaubt, dass er und Petzold sich vor 40 Jahren als Kinder in Haan begegnet sein müssen. Und Petzold erinnert sich tatsächlich an eine Fahrt im VW-Bus nach Marienheide und an einen frechen Jungen. Ob das Pit Clausen war? Oder doch eher dessen Zwillingsbruder, wie Clausen mutmaßt? Auf die Frage, warum er für Christian Petzold gestimmt habe, erklärt das neue Jury-Mitglied, der Bielefelder Filmemacher Matthias Müller, Petzolds Filme seien unglaublich intelligent und reich an Verweisen, zudem bewegten sie emotional extrem. Wie alle neun Preisträger zuvor habe Petzold zudem eine ganz eigene Handschrift, zudem gebe es eine Verbindung zum Werk Murnaus, ergänzt Jury-Vorsitzende Christiane Heuwinkel. Rechtsanwalt Jost Streitbörger und Thomas Sterthoff, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Bielefeld-Gütersloh, bekannten sich zur Förderung anspruchsvoller Kultur. Und sie luden Petzold, der Borussia-Mönchengladbach-Fan ist und selbst 30 Jahre lang für Tasmania Berlin gekickt hat, in die Schüco-Arena ein. Dazu wird Petzold so bald keine Zeit haben. Nach „Transit“ wird er seine „Polizeiruf 110“-Trilogie mit Matthias Brandt abschließen. Info: Der Murnau-Preis wurde 1988 erstmals zum 100. Geburtstag des 1888 in Bielefeld geborenen Stummfilmregisseurs Friedrich Wilhelm Murnau („Nosferatu“) verliehen und ging an Eric Rohmer. Danach erhielten ihn im Zwei-Jahres-Rhythmus Wim Wenders, der Kameramann Henri Alekan, Herbert Achternbusch, Jacques Rivette und 2001 Werner Herzog. Nach einer Pause wurde der Preis 2010 wiederbelebt. Die Bielefelder Partner der Rechtanwaltskanzlei Streitbörger Speckmann gründeten dazu die Gesellschaft zur Verleihung des Friedrich-Wilhelm-Murnau-Filmpreises. 2010 gewannen 2012 wurde der finnische Regisseur Aki Kaurismäki ausgezeichnet. Seit 2014 ist die Volksbank Bielefeld-Gütersloh mit im Boot. In dem Jahr erhielt die belgische Regisseurin Chantal Akerman den Preis. Die Verleihung wurde auf 2015 verschoben.

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